Christmas Jazz Teil 1 |

Alle Jahre wieder ...

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: sreenshot

Bochum, 28.11.2021 | Welche bekannten Jazzer haben noch kein Weihnachtsalbum herausgebracht? Da müsste man wohl länger suchen. Das Weihnachtsgeschäft war und ist oft eine wichtige Einnahmequelle ähnlich wie in der Spielzeugbranche.

Louis Armstrong war sich da für nichts zu schade, sein Christmas in New Orleans hört man auch heute noch. Das passt gut zur lockeren positiven Stimmung des New Orleans Jazz, ganz anders als unser traditionelles Weihnachtsfeeling.

  • What Christmas Means to Me? (Stevie Wonder)

Weihnachten bedeutet ja nicht für jeden das gleiche. In der Vielfalt der Songs kann man grob vier Richtungen unterscheiden:

- Weihnachten als lustig-geselliges Familienfest mit Reindeer und Weihnachtsmann, vor allem in den USA
- Weihnachten als besinnlich-religiöser Feiertag mit Krippe und Betlehemsstern- A Child is born
- Weihnachten als Winterwald/Skiurlaub – Event: Leise rieselt der (Let it) Snow.
Aber in den Songs geht es nicht immer um die heile Welt der Feiertage. In der Abgeschiedenheit der Festtage kann es ganz schön kriseln, in den Familien oder in der Beziehung. Darum gibt es auch:
- Weihnachten als Beziehungskrise: Blue Christmas, Christmas Blues, Last Christmas

Nils Landgren tourt nun schon seit längerer Zeit alle zwei Jahre mit seinen Friends durch die Lande und bringt Ideen des schwedischen Lucia-Fests in die deutsche Weihnacht ein. Dabei wird dann auch mal gerne das neapolitanische Volkslied Santa Lucia gesungen. Damit füllt er auf jeden Fall eine Marktlücke, manchmal mit 2 Auftritten an einem Tag.
Chris Hopkins tritt regelmäßig am 2. Feiertag mit "Christmas with my friends" in der Bochumer Christuskirche auf. Diese Konzertbesuche sind für manche eine Art Ritual, das vielleicht den Kirchenbesuch ersetzt.

Auch dieses Jahr gibt es natürlich Neuerscheinungen zum Fest. Die Musik wird vielleicht vor allem im Advent im Vorfreude-Modus konsumiert. Weihnachten kann man sie dann vielleicht gar nicht mehr hören.

  • Norah Jones

.. hatte bisher noch kein Weihnachtsalbum veröffentlicht. Dieses Jahr kam aber schon Mitte Oktober "I dream Of Christmas" heraus. Einige Songs, darunter Christmas Calling, hat sie selbst komponiert.

Das ist zwar erst einmal sehr eingängig, auf die Dauer aber langweilig. White Christmas, Blue Christmas, Winter Wonderland, Christmas Time Is Here, das hat man alles schon tausendmal gehört und klingt hier nicht wirklich anders als die Songs der üblichen Verdächtigten. Christmas Don’t Be Late und Christmas Time Is Here sind Interpretationen von Weihnachtsklassikern amerikanischer Trickfilme. Das klingt schon ein bisschen anders, hebt sich aber auch nicht vom Christmas-Gedudel ab. Die Besetzung der Band ist nicht schlecht. Außer Norah spielen u. a. Brian Blade (Drums), Leon Michels (Sax, Flöte, Glockenspiel), Marika Hughes (Cello) und Russ Pahl an der wohl unvermeidlichen Pedal Steel Guitar. Aber könnte man da nicht mehr raus machen?
Gefallen hat mir nur Run Rudolph, das ist interessant arrangiert und klingt wohltuend anders, nicht zuletzt wegen der Drums von Brian Blade.
Richtig kitschig wird es, wenn man sich die Grafik ihrer Weihnachtsvideos ansieht (s. screenshot links). Da fragt man sich, ob man das wirklich hören will.

  • Till Broenner

Der mehrfache Echo- und Grammy-Gewinner hatte schon 2007 mit seinem Christmas Album zugeschlagen, das dann vor einem Jahr in einer ‚(Limited Edition) (Gold Vinyl)‘-Version mit 2 LPs neu herausgegeben und wohl auch gekauft wurde.
In Coronazeiten kommt er nun etwas bescheidener daher mit "Till Christmas". Er habe sich „ganz bewusst gegen ein Album mit bombastisch-überladenen Coverversionen für rauschende Feste entschieden“, meinte er dazu. Auch die Band ist sichtlich kleiner und besteht nur aus drei Musikern. Frank Chastenier war früher Pianist der WDR Big Band, Christian von Kaphengst ist ein bekannter Bassist, der auch selbst produziert. Die Trio-Formation gibt dem Album ein kammermusikalisches Gepräge.

Maria durch ein Dornwald ging gefällt mir besonders gut. Erst beginnen Bass und Piano mit den Akkorden aus Stolen Moments von Oliver Nelson. Man wartet danach geradezu auf den Einstieg des Saxofons, aber nun setzt Brönner ein mit seiner gedämpften Trompete. Die Melodie wird lange umspielt und ist erst am Ende erkennbar, dazu ein Duo-Solo von Piano und Bass, perfekt.
Bei Jingle Bells spielt Brönner nur im Duo mit Christian von Kaphengst. Schon mit dem Bassisten Dieter Ilg hatte er ja sehr erfolgreich das Album Nightfall aufgenommen.
Das Album ist insgesamt unaufgeregt, sehr virtuos, keine Höhepunkte. Für die einen mag es kontemplativ sein, für andere Begleitmusik zur Bescherung?
Ein Höhepunkt, wenn überhaupt, könnte Christmas Time Is Here sein. Jazzpianist Vince Guaraldi hatte diesen Song schon in den 60ern für den Film „A Charlie Brown Christmas“ komponiert. Norah Jones hat das Stück im Programm (s.o.). Auf Brönners CD singt es Max Mutzke sehr soulig, Till verzichtet diesmal auf das Singen. Gewundert hat mich, dass dieses Album nicht auf Broenners homepage zu finden ist.

Doch ich halts da lieber mit Mario Biondi: Santa Claus is coming into town, es ist ja auch bald Nikolaus. Übrigens, Mario Biondi tritt am 12.12. in Bielefeld auf, hoffentlich!

Norah Jones, I Dream Of Christmas
Label: Blue Note 2021
Bestellnummer: 10725801
Erscheinungstermin: 15.10.2021

Till Broenner, Christmas
Label: Masterworks 2021
Bestellnummer: 10732766
Erscheinungstermin: 29.10.2021

In einem zweiten Teil werde ich im Dezember einige andere Neuerscheinungen zum Fest vorstellen. Es geht dasbei um weniger bekannte Musiker wie Josie Falbo, David Garfield, Martina da Silva u.a.