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Neue Schallaufnahmen |

Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 22

Text: Christoph Giese

Gelsenkirchen, 11.10.2022 | Die Zeit läuft und wir laufen mit im Sauseschritt - gut, dass es soviel gute Musik dazu gibt. Die neuesten Entdeckungen aus aller Welt enthält uns Christoph Giese nicht vor - voila Volume 22:

Samara Joy: Linger Awhile (Verve)

A New Gold Standard for Jazz Vocalists, das steht oben auf dem Pruduktinfo zur neuen, zur zweiten CD von Samara Joy, ihrem Debüt für das renommierte Majorlabel Verve Records. Kann man so unterschreiben, denn hört man die New Yorkerin singen, dann glänzt es! Was für eine samtene Stimme, welch ein Ausdruck, welch Eleganz. Die 24-jährige klingt jetzt schon wie eine reife Jazzdiva. Und singt schon jetzt in der gleichen Kategorie wie die ganz Großen ihres Genres. Es ist einfach zeitlos gut, wie sie auf Linger Awhile zehn Standards lang die ganze Gefühlspalette des klassischen Jazzgesangs bedient.

Carmen Souza: Interconnectedness (Galileo MC)

Man muss sich nur die Version des alten Gassenhausers My Baby Just Cares For Me auf diesem Album anhören, dann bekommt man schon ein Gefühl dafür was Carmen Souza ausmacht. Die Portugiesin mit kapverdischen Wurzeln und ihr enger, langjähriger musikalischer Partner Theo Pascal, der hier natürlich wieder mit von der Partie ist, beschäftigen sich einmal mehr mit ihrer Interconnectedness, ihrer Verbundenheit zur kreolischen Musikkultur verschiedener Länder. Und darin wird dann auch schon mal ein alter Jazzstandard, Miriam Makeba´s Hymne Pata Pata oder ein französisches Chanson eingebunden in die sonst vielfach selbstkomponierte, ganz eigenwillige Klang- und Rhythmenwelt.

Kroke: Loud Silence (Oriente Musik)

Ihre Musik genau zu beschreiben, ist alles andere als einfach. Zu vieles schwingt mit in den immer packenden, berührenden Klangwelten die das polnische Trio Kroke seit inzwischen vielen Jahren schon zu Gehör bringt und sie zu einer einzigartigen, sehr individuell tönenden Band hat werden lassen. Wurden sie zu Beginn ihrer Karriere meist mit Klezmer in Verbindung gebracht, ist ihre Musik doch längst viel mehr. Orientalischer Tango oder keltischer Rembetiko, zauberhafte Melodielinien, schwingende Geigenklänge sind auf dem neuen Alben Loud Silence zu hören. Geiger und Bratschist Tomasz Kukurba, Akkordeonist Jerzy Bawol und Kontrabassist Tomasz Lato kreieren zu dritt magische, weit auslandende Klangwelten, in die man nur zu gerne eintaucht.

Rebecca Trescher New Shapes Quartet: Silent Landscapes (enja Yellowbird)

Die Klarinette als führendes Instrument einer Band, beim New Shapes Quartet der Klarinettistin und Komponistin Rebecca Trescher ist genau das der Fall. Zweites melodieführendes Instrument auf Silent Landscapes ist die Stromgitarre von Philipp Schiepek. Auch er ein wunderbarer Klangmaler wie Trescher. Zusammen mit Bassist Lukas Keller und Schlagzeuger Jan Brill entsteht ein sensibler, mitunter herrlich melancholisch angehauchter, eigenständiger Jazz, der in fast schon sinfonischen Texturen eingebettet nicht nur sanft fließt sondern auch mal schön groovt und sich durch krumme Rhythmen schlängelt.

Andreas Schickentanz Sextet: Episodes (JazzHausMusik)

Mit einem knackigen Combo-Album wartet Andreas Schickentanz hier auf. Nach einigen Projekten, die er solo oder im Duo bestritt, hat der Kölner Posaunist jetzt fünf Jungs aus der Kölner Jazzszene wie Pianist Lars Duppler, Bassist Volker Heinze oder Drummer Silvio Morger um sich geschart um Episodes einzuspielen. Eine Platte, die akustisch geprägten Jazz mit elektronischen Sounds und Verfremdungen anreichert, schlüssig Komponiertes mit Improvisiertem verbindet, und dabei verschiedene Stimmungen zeichnet. Immer wieder schlägt die Musik auf ihrer Spurensuche Haken, um dann auch mal gleichmäßig zu fließen und mit schönen Melodien zu verwöhnen. Ein Album zum Entdecken.

Jonas Hemmersbach: Stillsturm (JazzHausMusik)

Der Düsseldorfer Gitarrist Jonas Hemmersbach setzt auf Stillsturm auf ein neues Quintett. Neben einem Klaviertrio um den fantastischen Pianisten Ludwig Hornung ist mit Altsaxofonist Felix Fritsche ein weiterer erstklassiger Solist im Fokus. Dennoch ist Hemmersbach vor allem die Kommunikation untereinander wichtig. Und das hört man hier in seinen neun Eigenkompostionen, die mal Rock-orientiert daher kommen, als sanfte Ballade verwöhnen, oder Improvisationen in melodische Strukturen einbetten. Frischer Jazz einer Klasse-Band.

Maria Mendes: Saudade, Colour Of Love (Challenge)

Den Fado in den Jazz zu überführen – die seit vielen Jahren schon in den Niederlanden lebende portugiesische Sängerin Maria Mendes hat das vor ein Jahren begonnen, zusammen mit dem US-Jazzpianisten, Komponisten und Arrangeur John Beasley, ihrem Jazzquartett und den vielen Streichern vom Metropole Orkest aus Holland. Nun kommt mit Saudade, Colour Of Love nach einer Studioplatte ein live in Amsterdam und Heerlen aufgenommenes Album dieses Projektes heraus. Eine Melange, die faszinierend ist, transportiert sie doch die im Original meist von Fado-Queen Amália Rodrigues gesungenen Fados in das Jetzt und Heute, nimmt ihnen die ganz große Dramatik, aber nicht die Emotionen, und transformiert sie in swingende, aber auch vorwärtsdrängende und improvisierte Momente, in gefühlvoll, aber auch mal ein wenig bissig orchestrierte Jazzstücke. Sie sei keine Fadosängerin, betonte Maria Mendes bei einem Livekonzert mit den Songs dieser Platte vor ein paar Wochen in der wunderschönen Schouburg in Tilburg. Stimmt! Aber die Grammy und Latin-Grammy nominierte Portugiesin singt, scattet und phrasiert klasse. Und macht schon dadurch diese ungewöhnliche Idee mit dem Fado und dem Jazz zu einer rundum gelungenen Sache.

John Coltrane: Blue Train (Blue Note)

Zum Schluss noch ein Tipp nicht nur für Sammler: Das bahnbrechende Album Blue Train von Jazzlegende John Coltrane erscheint nun gleich mehrfach neu: Als 1-LP-Mono Edition in 180g Pressung, als 2-LP-Stereo Edition und als 2 CD-Set. Die beiden letztgenannten Versionen enthalten auf dem jeweils zweiten Tonträger bisher unveröffentlichte Alternate Takes und ein Booklet mit einem Essay von Coltrane-Experte Ashley Khan sowie sehenswerte Fotos von Blue Note-Mitbegründer Francis Wolff.