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Etwas schaffen, das bleibt|

Künstlerische Nachhaltigkeit beim 40. Südtirol Jazzfestival Alto Adige

Text: Stefan Pieper | Fotos: Südtirol Jazz Festival Alto Adige, Günther Pichler, Rosario Multari

Bozen, 18.07.2022 |

Die 40. Ausgabe des Südtirol Jazzfestival Alto Adige sollte die letzte unter der künstlerischen Leitung von Klaus Widmann sein. Programmatisch wurde eine eindrucksvolle Bilanz der künstlerischen Ländererkundungen der letzten Jahre gezogen.

In einer spontanen großen Besetzung nach minimaler Vorbereitung alles zu geben, hat für den Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli viel mit der Bezwingung von Bergen zu tun: „Wenn wir alle improvisieren geht es oft sehr schnell in ganz andere Richtungen als geplant. Damit verhält es sich so wie in einer Seilschaft. Alle sind in derselben Sache drin und wechseln sich zwischendurch in der Führung ab. So etwas braucht Können und Erfahrung.“Jazz als künstlerisch offener „way of life“ findet eben erst statt, wenn sich Musikerinnen und Musiker, aber auch ihr Publikum aus der Komfortzone heraus wagen. Beim Südtirol Jazzfestival ist so etwas Programm – spätestens seit Klaus Widmann das Festivalkonzept runderneuerte.

Wer zum Alto Adige Festival eingeladen wird, ist vielfältig involviert und auch künstlerisch stark gefordert - sowohl mit aktuellen eigenen Projekten, aber auch in kurzfristig anberaumten adhoc-Begegnungen. Klaus Widmann beweist ein fabelhaftes Gespür, Musiker, die künstlerisch noch nichts miteinander hatten, ins kalte Wasser zu stoßen. „Man spielt mit Leuten, mit denen man sonst nie spielen würde“ beschreibt Matthias Schriefl das entstehende Abenteuer. Auch der britische Saxofonist und Rapper Soweto Kinch, eine der präsentesten Figuren auf diesem Festival, empfindet die daraus resultierende kreative Spannung als sehr anregend: „Es gibt hier einen Widerspruch. Man soll in zwei Tagen komplett neue Musik erarbeiten. Das ist erstmal ein Angriff auf jeden Perfektionsanspruch. Aber die andere Seite davon ist eine riesige Spontaneität, die unglaublich viele Ideen frei“. Zahlreiche Bandgründungen waren die Folge solcher Begegnungen. Auch dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli würde ohne „Südtirol“ einiges in der künstlerischen Biografie fehlen - man denke nur an dessen umtriebiges Trio mit dem Sänger Andreas Scherer und dem Gitarristen Kalle Kalima.

Die europäische Szene wurde systematisch durchgearbeitet

Mit wechselnden Länderschwerpunkten hat Klaus Widmann in den letzten Jahren systematisch die reiche europäische Jazzszene durchgearbeitet. Daraus ist so viel Bleibendes entstanden, was eben diese 40. Festivalausgabe eindrucksvoll demonstriert hat. Beispielhaft sei der Auftritt des Euregio-Kollektivs erwähnt, einer großen fest zusammen arbeitenden Besetzung, hier natürlich unter Einbeziehung vieler weiterer aktueller Teilnehmender des Festivals. 2017 hatte das Südtirol Jazzfestival die EUREGIO-Jazzwerkstatt gegründet, um jungen Musikerinnen und Musikern aus Tirol, Südtirol und dem Trentino die Gelegenheit zu geben, mit internationalen Gästen zu konzertieren oder neue Projekte zu entwickeln. Und genau so etwas führt beim Alto Adige Festival immer wieder hinauf auf beeindruckende Gipfel über alle Niederungen von gehypter Oberflächlichkeit.

Klaus Widmann gibt den Staffelstab nun weiter an Max von Preetz, Roberto Tubaro und Stefan Festini Cucco, die sich jetzt darauf freuen, das Festival in die Zukunft zu tragen. „Die drei sind echte Bergmenschen“ bewertet Matthias Schriefl das sichere Gespür der drei für die richtige Route. Die drei sind sowieso schon seit vielen Jahren in die Organisation involviert und in der Regel durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Den Bergen nah

Matthias Schriefl, der schon seit 15 Jahren beim Festival präsent ist, war diesmal den Bergen besonders nah, als er sich im Duo mit Johannes Bär drei Tage lang auf Hüttenwanderung begab. Sich vom Bergsommer in seiner ganzen Pracht verzaubern lassen und dabei offener für neue künstlerische Erfahrungen werden – in dieser Hinsicht besteht hier Gleichklang zwischen Musizierenden und Publikum. Schriefls drei Hüttenkonzerte dehnten sich zeitlich zum Teil über mehrere Stunden aus. „Abgeholt“ wurde dadurch viel touristisches Laufpublikum, das eben sonst nicht von sich behaupten würden „Jazz-Fan“ zu sein. Aber genau diese Neudefinierung des Horizonts ist ja auch das Anliegen.

Am letzten Festivaltag nahm das Jazz-Prog-Rock-Trio Equally Stupid nebst diverser Gastmusiker vor der imposanten Kulisse der Langkofelgruppe-Aufstellung - was so manchen an die spektakuläre Inszenierung im Jahr 2014 erinnert haben mag. Wie damals diverse Artisten, inklusive Freeclimber und unerschrockene Musiker direkt aus hoher Felswand heraus künstlerisch agierten, das hat Geschichte geschrieben (nrwjazz berichtete) . Zwar etwas weniger spektakulär, aber musikalisch nicht minder beseelt, bescherten Matthias Schriefl, der Isländer Sigurdur Rögnvaldsson, der Fine Pauli Lüttinen, der Schweizer David Meier, der Brite Soweto Kinch und die schwedische Sängerin Anni Elif dem 40. zum letzten Mal von Klaus Widmann kuratierten Festival ein symbolkräftiges Finale.

Zugleich kreisen Hubschrauber über der nur wenige Kilometer entfernten Marmolata, dem höchsten Berg in den Dolomiten. Durch einen Gletscherabbruch sind Bergsteiger ums Leben gekommen. Berge sind niemals nur Kulisse, sondern immer auch ernste Herausforderung und - bei allem Faszinosum – ein verwundbarer werdendes Ökosystem.

Hier gibt es einen Zwischenbericht von der ersten Festivalhälfte