Festival, international

Der Jazz rockt die Inseln |

Funchal Jazz Festival und Canarias Jazz & más

Text: Christoph Giese | Fotos: André Ferreira (Funchal) & Sabrina Ceballos, Nacho González, Luz Sosa & Canarias Jazz (Kanaren)

Funchal, 28.07.2022 | Inselhopping in Sachen Jazz – wer Portugal und Spanien mag und auch noch Inseln, der erlebt mit dieser Kombination jede Menge Jazz aller Couleur. Und das auch noch in traumhaftem Ambiente, denn sowohl die zu Portugal gehörende Insel Madeira als auch die fast um die Ecke liegenden Kanaren zählen nicht umsonst zu den beliebten Reisezielen in Europa. Dass sich das Entdecken dieser Inseln im Juli auch noch mit der Passion für den Jazz verbinden lässt, einfach wunderbar. Vor allem wenn man dann auch noch musikalische Überraschungen erkleben darf.

Funchal Jazz Festival 2022

Etwa in Funchal, der Hauptstadt von Madeira, wo das Funchal Jazz Festival in diesem Jahr nach der Corona-Zwangspause wieder startet, mit einem leicht veränderten Konzept. Denn bevor die klangvollen Namen im großen Santa Catarina Park stattfinden, hat sich Festivalmacher Paulo Barbosa etwas Neues einfallen lassen. Im kleineren, aber ebenfalls sehr schönen Stadtpark im Stadtzentrum präsentiert er zunächst mehrere Abende mit regionalen Musikern und jungen Talenten vom portugiesischen Festland. Und dann steht da Sofia Almeida auf der Bühne und traut sich was. Schnappt sich John Coltranes „Resolution“ und lässt den Song mit ihrem Gesang explodieren. Die junge Sängerin aus Madeira studiert gerade am Berklee College Of Music in Boston, hat Power in ihrer sicher noch zu entwickelnden Stimme, beweist aber schon jetzt Mut und Geschmack bei der Zusammenstellung ihres Programms, mit einem Ausflug nach Brasilien oder einer eigenen Nummer.

Auf der großen Bühne setzt das Festival in erster Linie auf spannende, junge Künstler des US-Jazz. Saxofonist Immanuel Wilkins ist so ein Name. Sein Auftritt mit seinem hörbar eingespielten Quartett war ein Beispiel wie raffiniert eine Band mit Harmonie- und Rhythmusstrukturen spielen und aus einer kompositorischen Struktur heraus in spirituelle Freiheit und Ekstase gelangt. Da schließt einer an die Tradition eines John Coltrane an und klingt dabei ziemlich aufregend. Was auch auf Vibrafonist und Pianist Joel Ross und seine Band Good Vibes als auch die Sängerin Cécile McLorin Salvant zutrifft, zeigen sich doch beide in Funchal als originelle und spirituelle Stimmen des aktuellen Jazz. Wie letztere Kurt Weill oder das „St. Louis Gal“ besingt, mit großer Gestaltungskraft, ihre stimmlichen überragenden Möglichkeiten dabei nie ausreizend, und wie Joel Ross´ rhythmisch üppige Arrangements zu einfach schönen Klangbildern führen, die Saxofonist Godwin Louis mit emotionalen, bluesgetränkten Altsaxlinien schärft: zauberhaft. Wie übrigens auch das Konzert des Orquestra de Jazz do Funchal mit der Musik des portugiesischen Top-Pianisten Mário Laginha.

CANARIAS JAZZ & más

Es ist noch kein Ton gespielt, doch als der Star des Abends die Bühne des vollbesetzten Teatro Cuyás im Herzen der wunderschönen Altstadt von Las Palmas betritt, da tobt schon der Saal. Marcus Miller ist eben Kult und die Spanier feiern den Meister des funkigen Spiels auf diversen E-Bässen schon vorab. Und der Amerikaner und seine Klasseband liefern. Jede Menge Songs mit Show Off-Potenzial für den Bandleader, Miles Davis´ „Bitches Brew“ und am Ende eine ausgedehnte Groove-Version vom Beatles-Klassiker „Come Together“.

Nach solch einem Abend strahlt Miguel Ramírez, Direktor von Canarias Jazz & más. Denn dann weiß er dass sich all die Mühen gelohnt haben. Vor 31 Jahren hat er das imposante Festival gegründet, das in diesem Jahr satte 24 Tage dauert und auf allen acht bewohnten Kanaren-Inseln stattfindet, mit den meisten Konzerten auf Gran Canaria und Teneriffa. Ramírez ist selbst Jazzmusiker und leidenschaftlicher Jazzfan. Das spürt man im Gespräch mit ihm sofort. Hier kreiert jemand ein Event aus Leidenschaft und Passion.

Und so fühlt sich auch das prall gefüllte Programm an. Es gibt Musik für Leib und Seele. Und Bands zum Entdecken. Etwa das Quartett Barencia. Der Bandname ein Wortspiel, sind die Beteiligten doch zwischen Barcelona und Florenz (Florencia auf Spanisch) beheimatet. Der spanische Pianist Xavi Torres und seine beiden italienischen Kollegen an Bass und Schlagzeug spielen einen am Flamenco orientierten Jazz, zu dem die mexikanische Tänzerin Karen Lugo tanzt, irgendwo zwischen Flamenco und Modern Dance. Ein interessantes Gesamtkunstwerk! Große Kunst ist auch das erfrischende Projekt „Olas y Arenas“ des kubanischen Pianisten Pepe Rivero und der spanischen Sängerin Ángela Cervantes, die in Las Palmas in Quartettbesetzung Boleros der früh und schon lange verstorbenen, populären puertoricanischen Sängerin und Songschreiberin Sylvia Rexach raffiniert und virtuos in den Jazz überführen.

Ein besonderer Spielort ist der Santa Ana-Platz im Herzen der zauberhaften Altstadt von Las Palmas. Eingerahmt vom Rathaus auf der einen und der Kathedrale der Stadt auf der anderen Seite ist viel Platz für viel Publikum. Und das strömt bei freiem Eintritt zu den insgesamt drei Open Air-Abenden dort in diesem Jahr. Besonders berührend der Auftritt des Pokaz Trio aus Odessa. Die drei Musiker um den Pianisten Andrew Pokaz kreieren aus betörenden, ohrwurmartigen Melodien einen von der Klassik beeinflussten, aber auch spürbar in Osteuropa verwurzelten, zeitgenössischen Jazz und dürfen aus ihrer Heimat nur für kurze Konzerttouren ausreisen und müssen dann gleich wieder zurück. Ein neu komponiertes Stück spiegelt die aktuelle Lage in der Ukraine eindringlich wider, beginnt und endet es doch mit lautem Sirenengeheul.

Auch der Open Air-Spielort in Teneriffas beliebter Urlaubsdestination Puerto de la Cruz kann sich sehen lassen. Die Bühne eingerahmt von Palmen, das Meer in Sichtweite. So lässt sich Musik perfekt genießen. Etwa die von Big Vicious, der Band des israelischen Trompeters Avishai Cohen,mit seinen coolen Sounds zwischen Jazz, Post-Rock und Elektronica. Oder den beschwingten Afrojazzsoul von „Tumaini“, dem aktuellen Projekt der in New York lebenden, Madrider Saxofonistin Berta Moreno und ihrer Band mit der charismatischen Sängerin Alana Sinkëy aus Guinea-Bissau. Wer sich dann tagsüber noch die Zeit und die Muße nimmt die Schönheiten der Inseln zu entdecken, kann im Sommer kaum schönere jazzige Wochen verbringen.