Interview

Ein Gespräch mit dem Trompeter Thimo Niesterok |

Vorfreude aufs Release-Konzert!

Text: Dr. Michael Vogt | Fotos: Sophia Hegewald

Hürth, 03.08.2022 | „Es wird eine bunte Reise durch die Geschichte des Gypsy Swings“...Trompeter Thimo Niesterok spricht über das Release-Konzert zum Album "Sven Jungebeck invites" .

Unter dem Titel „Sven Jungbeck invites“ bringt der Jazzclub Hürth am 6. August gleich mehrere Gypsy-Stars auf die Bühne, die auf der Freifläche hinter dem Jazzkeller aufgebaut wird. Sven Jungbeck stellt bei diesem Open-Air-Konzert erstmals seine gleichnamige CD vor, auf der sage und schreibe 19 Musiker versammelt sind. Neben Jungbeck spielen die Gypsy-Kollegen und Stars Joscho Stephan, der niederländische Gitarrist Paulus Schäfer, Olli Soikkeli aus Finnland, Wawau Adler, Robin Nolan, und Jimmy Rosenberg. Ebenfalls im Studio waren Dario Chatelle, Christop Bormann, Stefan Berger und Volker Kamp am Bass, Sandro Roy an der Geige, Matthias Strucken am Vibrafon, Thimo Niesterok an der Trompete sowie Clara Deckstein und Taylor Swing (Gesang).
Für das Release-Konzert in Hürth können natürlich nicht alle Beteiligten anreisen. Stattdessen gibt es eine reduzierte, aber feine Besetzung mit Sven Jungbeck, Joscho Stephan und Paulus Schäfer an den Gitarren, Volker Kamp am Bass sowie Thimo Niesterok an der Trompete, die für eine ungewohnte Klangfarbe im Gypsy Swing sorgt – Anlass genug, sich mit Thimo Niesterok über die CD und das Konzert zu unterhalten.

Thimo Niesterok, am 15. Juli waren Sie noch zusammen mit Gypsy-Gitarrist David Riter im Hürther Jazzkeller. Jetzt kommen Sie mit einem weiteren Gypsy-Projekt zurück. Die Trompete ist nicht unbedingt das Instrument, das man in diesem Zusammenhang erwartet.
Das ist ganz richtig. Immerhin gibt es aber eine ziemlich bekannte, historische Aufnahme, die zeigt, dass es durchaus geht: 1939 ging Django Reinhardt zusammen mit amerikanischen Swing-Musikern, darunter dem Kornettisten Rex Stewart, vor die Mikrofone. Reinhardt orientierte sich mit seiner Musik am amerikanischen Jazz. Dabei fand er zu einer eigenen Sprache, es gab aber natürlich Überschneidungen im Repertoire und Stil. Durchgesetzt haben sich die Trompete oder das Kornett im Gypsy aber nie, was auch daran liegen kann, dass in diesem gitarrendominierten Genre des Jazz gerne Tonarten gespielt werden, die zwar gut zur Gitarre passen, bei Trompetern aber Fluchtreflexe auslösen.

Wieso?
Weil sie auf dem Instrument schwer zu spielen sind. Stücke wie „Sweet Georgia Brown“ von Kenneth Casey, „Limehouse Blues“ von Philip Braham oder „I Can't Give You Anything but Love“ von Jimmy McHugh werden alle in Kreuztonarten gespielt, was Trompetern einfach gar nicht liegt.

Sie haben da keine Berührungsängste?
In den letzten Jahren hat sich sehr viel getan. Gerade um Köln herum gibt es ein paar herausragende Gypsy-Gitarristen, die neugierig sind. Ich bin über sie ein wenig in die Szene hineingerutscht und habe festgestellt, wie groß die Parallelen zwischen unseren Repertoires eigentlich sind. Es wird darüber hinaus generell immer üblicher, dass sich die musikalischen Szenen miteinander vermischen. Dadurch entstehen neue und aufregende Dinge. Joscho Stephan hat beispielsweise im letzten Jahr mehrfach mit Chris Hopkins gespielt, der ja zu den Top-Musikern im Swing und im traditionellen Jazz zählt. Ich finde das großartig.

Zurück zu „Sven Jungbeck invites“: Wie ist das Projekt zustande gekommen?

In der Pandemie-Zeit hatte Sven sich mit dem Gedanken beschäftigt, dass er gerne ein Album unter eigenem Namen machen würde. Für das CD-Projekt wollte er eine ganze Reihe Stars der Gypsy-Szene einladen – natürlich Joscho Stephan, aber auch Wawau Adler, Jimmy Rosenberg und viele andere. Außerdem war es sein Wunsch, mich einzubeziehen, um diese für den Gypsy Jazz spezielle Klangfarbe der Trompete oder des Kornetts zu nutzen. In Hürth können natürlich nicht alle Künstler auftreten, die auf der CD zu hören sind. Aber mit Joscho Stephan, den viele auch von seinen Crossover-Projekten mit Künstlern wie Tommy Emmanuel kennen, ist ein Musiker dabei, der sicher einer der berühmtesten Gypsy-Gitarristen Deutschlands ist. Paulus Schäfer ist in den Niederlanden sehr bekannt und auch überregional ein wichtiger Name. Ich habe ihn selbst übrigens noch nicht getroffen…

… das heißt, auch während des CD-Projekts nicht?
Genau! Es sind so viele Musikerinnen und Musiker auf der CD versammelt, dass während der Aufnahmen immer nur eine Handvoll Interpreten ins Studio kommen konnten. Ich war beispielsweise mit Joscho Stephan und Wawau Adler, einem ebenfalls herausragenden und berühmten Gypsy-Gitarristen, zusammen im Studio.

Dann ist Ihr Zusammentreffen mit Paulus Schäfer in Hürth eine Premiere.
Ja, und darauf freue ich mich schon. Es ist immer spannend, neue Musikerinnen und Musiker zu treffen. Der Bassist am 6. August ist Volker Kamp, der schon oft im Jazzkeller Hürth gespielt hat. Ein unglaublicher Künstler, der sich dadurch auszeichnet, dass er genauso spielt, wie er als Persönlichkeit ist. Er bringt eine große Ruhe in das Zusammenspiel, was aber nicht bedeutet, dass er keinen Drive hätte – genau das Gegenteil ist der Fall! Volker garantiert für die Sicherheit im Ensemble, die man braucht, damit alles zusammenhält. Wenn er dann aber sein Solo bekommt, wird das Fundament zur Virtuosität. Da kann man nur staunen.

Können Sie etwas zum Programm in Hürth verraten?
Ich möchte nicht zu viel sagen. Aber es wird in jedem Fall eine bunte Reise durch die Geschichte des Gypsy Swings: von den Anfängen mit Django Reinhardt bis hin zu all den Überraschungen, für die Sven bekannt ist. Er bringt ja gerne die eine oder andere Nummer in seine Programme, die aus dem Pop- oder Rock-Bereich stammt und im Gypsy-Kontext erst einmal verblüfft, sich dann aber doch hervorragend in den Stil einfügt. Und dann gibt es natürlich durch die Trompete so manche Klangfarbe, die man aus dem amerikanischen Swing der 1930er und 1940er kennt. Es wird ein spannender Abend mit vielen Einflüssen und Musikern unterschiedlichster Hintergründe, die zusammenkommen, weil sie Freude am Musikmachen haben und den Swing miteinander teilen!

Sie leben in Köln, wo man normalerweise wenig mitbekommen, was es in kleineren Städten wie Hürth direkt vor der Haustüre an kulturellem Leben und Angeboten gibt. Ich bin für mein Musikstudium nach Köln gezogen, stamme aber vom Bodensee. Nordrhein-Westfalen hat den Riesenvorteil, dass es ein enormes Ballungszentrum mit unglaublich vielen urbanen Zentren ist, in denen Menschen auf engem Raum zusammenleben und Kultur erleben wollen. In maximal zwei Stunden kann man hier in einer ganz anderen Stadt sein und ein enormes kulturelles Angebot erleben. Das ist eine einmalige Situation.

Thimo Niesterok, vielen Dank für das Gespräch!

Termin:
6.8.2022, 20 Uhr Sven Jungbeck invites
Sven Jungbeck, Paulus Schäfer, Joscho Stephan |
Gitarre
Volker Kamp |
Bass
Thimo Niesterok |
TrompeteOrt:Open Air am Jazzkeller HürthHermülheimer Str. 12-14
50354 Hürth

Tickets:
Vorverkauf (KölnTicket):€ 20,-
Abendkasse:€ 25,-