Kulturpolitik

Jazz goes History |

Im Doppeldeckerbus dem jüdischen Leben auf der Spur

Text: Dr. Michael Vogt | Fotos: Jazzclub Hürth

Hürth, 21.10.2022 | Dass Jazz auch als hervorragendes Bindeglied für lebendige Geschichtsvermittlung taugt, wurde unlängst in Hürth unter Beweis gestellt.

Im Nachklang des 2021 begangenen Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ lud der Jazzclub Hürth e. V. zu einer musikalisch-historischen Bustour durch die Städte Hürth, Kerpen und Brühl. Das Format hatte der Jazzclub in Zusammenarbeit mit den Archiven der Städte Hürth und Kerpen, der Abteilung Kultur, Partnerschaften, Tourismus & Veranstaltungsmanagement in Brühl, dem Arbeitskreis Hürther Geschichte des Heimat- und Kulturverein Hürth e. V. sowie Uli Krug von der Marching Band „Vier Männer von Welt“ erarbeitet, die für den musikalischen Part des Nachmittags sorgte.

In Auschwitz ermordete Familienmitglieder

Los ging es mit einem musikalischen Gruß durch die Formation auf dem Wendelinusplatz in Hürth-Berrenrath. Dort hießen Günter Reiners, Vorsitzender des Jazzclubs, sowie Karin Johnson vom Arbeitskreis Hürther Geschichte die zahlreichen, interessierten Gäste willkommen. Karin Johnson begann ihre Ausführungen mit Informationen zur Umsiedelung des Berrenraths in den 1950er Jahren. Die Zerstörung des alten Ortes aufgrund des Braunkohleabbaus hatte auch zur Folge, dass die Stätten jüdischer Geschichte, die sie am Beispiel der Familie Erder erläuterte, nicht mehr existieren. Nur noch Stolpersteine erinnern am Wendelinusbrunnen an das Schicksal der in Auschwitz ermordeten Familienmitglieder.

Mit dem Doppeldeckerbus ging es im Anschluss weiter in Richtung Alt-Hürth. Während der Fahrt vermittelte Johnson wichtige historische Eckdaten zur Geschichte der Juden in der Region und verband diese mit der für das Jubiläum maßgeblichen Kölner Historie, die auch später noch einmal in den Fokus rücken sollte. So führte sie aus, dass viele Juden in der Region als Metzger tätig waren und es immer wieder auch zu Konvertierungen kam. Über die französische Besatzung, die den Juden Bürgerrechte brachte, und Napoleons „schändliches Dekret“, das diese im Rheinland wieder einschränkte, verwies sie auf die Assimilierung des 19. Jahrhunderts, in dem Juden als patriotische Deutsche auch für ihr Vaterland in den Krieg zogen.

Synagoge mit romanisch-maurischen Formen

Der Weg führte unter anderem vorbei am jüdischen Friedhof, der von den Nazis an die heutige Rheinbraun verkauft und dadurch vernichtet wurde, zum Platz der alten Synagoge in Alt-Hürth, wo Juden im 19. Jahrhundert noch vor den Protestanten die zweitgrößte Konfession bildeten. Dass jüdische Bürger in den zahlreichen, kleinen Gemeinden im Rheinland selbstverständlicher Teil der Gesellschaft waren, wäre auch daran erkennbar, dass sie aktiv am Karneval mitgewirkt hätten, unterstricht Johnson.
Nächste Station war in Brühl der 1371 erstmals erwähnte, damals außerhalb der Stadt gelegene jüdische Friedhof. Stadtführerin Marie-Luise Sobczak umriss vor Ort die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Brühl, bevor sie auf einzelne Grabsteine einging. Im Museum für Alltagsgeschichte in Brühl zeigte Sobczak ein Modell der 1880 erbauten Synagoge und gab einen Einblick in jüdische Gebetsbräuche und Liturgie. Im Anschluss ging es an den Standort der Synagoge, wo ein Erinnerungsmal auf die Zerstörung des Gotteshauses während der Novemberpogrome 1938 und die Ermordung der Brühler Juden hinweist.

Auch durch Hilfe christlicher Bürger angelegt

Nach einer weiteren Busfahrt erreichte die Gruppe Kerpen, wo bereits 1096, dem Jahr des brutalen Pogroms in Köln, Juden vom Kölner Erzbischof angesiedelt wurden. Am jüdischen Friedhof Kerpen-Sindorf skizzierte Susanne Harke-Schmidt, Leiterin des Stadtarchivs Kerpen, die Geschichte des Friedhofs, der in den 1830er Jahren auch durch die Hilfe christlichen Bürger angelegt, von den Nazis geschändet und danach landwirtschaftlich genutzt wurde. Als er nach dem Krieg rekonstruiert wurde, fand darauf ein Gedenkstein Platz, der auf die ermordeten Juden Sindorfs hinweist – eines der frühesten Beispiele derartigen Gedenkens.

Mit einem Zitat aus Heinrich Bölls Essay „Die Juden von Drove“ von 1984 legte Harke-Schmidt Nachdruck auf die Tatsache, dass jüdische Menschen in unserer Region über lange Strecken ganz einfach dazugehörten, bevor es dann zurück nach Hürth ins Berli-Theater ging. Dort hatten die „Vier Männer von Welt“ Magnus Barthle (Posaune), Johannes Gross (Baritonsaxophon, Klarinette) Hartmut Ott (Snare) und Reverend Uli Krug (Sousaphon) ihren Abschluss-Auftritt, nachdem sie den Nachmittag musikalisch hervorragend im Gehen und an einzelnen Stationen mit ihren Stücken gestaltet hatten, die von Jazz-Nummern mit New-Orleans-Anklang bis hin zu klezmerinspirierten Weisen reichten. Besonderen Eindruck machte „Shlof shoin main jankele“, ein Wiegenlied auf einen Text des im Krakauer Ghetto ermordeten jüdisch-polnischen Dichters Mordechaj Gebirtig. Magnus Barthle sang den jiddischen Text trotz der schwierigen Freiluft-Akustik mit großer, zärtlicher Innigkeit. Als Ausklang sorgten die Musiker im Berli dann noch für eine Überraschung, als Barthle ein aus Karbon gefertigtes Alphorn zusammensteckte und damit einen fröhlichen Schluss-Punkt setzte.

Verstörende antisemitische Vorkommnisse der letzten Monate“

Günter Reiners war im Anschluss ausgesprochen zufrieden mit der Veranstaltung: „Wir freuen uns sehr, dass viele Interessierte unserer Einladung gefolgt sind, um mit uns jüdische Geschichte in unserer Heimatregion zu entdecken, ohne die dunkelsten Kapitel der Judenverfolgung und des Holocaust auszublenden. Es war uns sehr wichtig, daran zu erinnern, dass Juden in unserer Heimat schon immer dazugehören. Der in vielen Gruppen zunehmenden Judenhass und die verstörenden antisemitischen Vorkommnisse der letzten Monate zeigen uns, wie wichtig genau das ist. Dieses Projekt konnte nur aufgrund der intensiven Zusammenarbeit mit der Marching Band „Vier Männer von Welt“ und dem Berli Theater zustandekommen. Vor allem aber konnte es nur durch die engagierte Mitarbeit des Arbeitskreises Hürther Geschichte des Heimat- und Kulturvereins Hürth e. V., der Archive der Stadt Hürth und Kerpen sowie der Abteilung Kultur, Partnerschaften, Tourismus & Veranstaltungsmanagement in Brühl stattfinden. Insbesondere danke ich Susanne Harke-Schmidt, Marie-Luise Sobczak und Karin Johnson für ihre kenntnisreiche Unterstützung vor Ort. Und ich danke ausdrücklich auch Jürgen Constien vom Arbeitskreis Hürther Geschichte, der viel zu diesem Tag beigetragen hat und eigentlich dabei sein wollte, aber durch eine Corona-Infektion leider verhindert war. Ihm wünschen wir vom Jazzclub herzlich gute Besserung!“