Jazzclub Hürth |

Fulminanter Open-Air Start

Text: Günter Reiners | Fotos: Harald Haenßgen, Regina Reiners

Hürth, 09.07.2022 | rong>Einen besseren Start in die Open-Air-Saison 2022 hätte sich der Jazzclub Hürth wohl kaum vorstellen können. Völlig ausverkauft war am Wochenende das Konzert, das Latin Grammy-Preisträger El Nene zusammen mit seiner Formation im stimmungsvoll beleuchteten, historischen Innenhof der Burg Gleuel gab.

El Nene gehört zu den absoluten Superstars des Son Cubano. Die treibende Kraft des kubanischen Musikstils, der sich aus der Vermischung europäischer Tanzformen mit afro-kubanischen Rhythmen und Traditionen entwickelte, zeichnet sich durch den charakteristischen Wechselgesang zwischen Erst- und Zweitstimme aus. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde er zunehmend von großen Tanzorchestern gespielt. In den letzten Jahrzehnten erlebte er eine Renaissance. In Deutschland bekannt wurde der Son Cubano vor allem durch Wim Wenders’ Kultfilm „Buena Vista Social Club“, der hierzulande 1999 eine regelrechte Kubanomanie auslöste.

Liebesschmerz als Inspiration

Kaum hatten El Nene (Gesang), Ernesto Montalvo Reyes (Trompete) Deivys Cardenas Berroa (Bass), Arjadi Lopez Sanchez (Tres) Carlos Xavier Lopez Infante (Gitarre), Rigoberto Ramirez Gonzales (Congas)und Yoendry Perera Ferrer (Bongos) die ersten Töne gespielt, gab es im Publikum schon kein Halten mehr: Zuerst wippten die Füße, dann die Hüften, und bald fanden sich immer mehr Paare, die vor der Bühne das Tanzbein schwangen. Die treibenden Rhythmen, die orchestrale Fülle und die sich wiederholenden Akkorde, Trompeten-Einwürfe und Rufe der Musik zogen das Publikum in ihren Bann. El Nenes etwas heiser klingende, aber umso durchdringendere Stimme traf bei den Stücken des Abends genau den Ton und auch das Gefühl, das in den Texten eine große Rolle spielt. So erzählten die Musiker in „¿Qué tiene María?“ (Was hat Maria denn?) augenzwinkernd von den Schwierigkeiten, die sich in der Karibik ergeben können, wenn die Angebetete keine Begabung für das Tanzen hat. Das melancholische „No lloraré“ hingegen war ein treffendes Beispiel dafür, wie man in Lateinamerika auch den größten Liebesschmerz als Inspiration für einen leidenschaftlichen Bolero nehmen kann. Und mit der Nummer „Chan Chan“, die durch Wenders’ Film Weltruhm erlangt, zeigten die Musiker in Hürth, dass sie den inzwischen verstorbenen Idolen der kubanischen Musik wie Ibrahim Ferrer und Pio Leyva in nichts nachstehen.

Echtes karibisches Flair, mitten in Deutschland!“

Gegen Ende des Abends war die Stimmung dann so ausgelassen, dass die Musiker es sich nicht nehmen ließen, diverse Tanzwütige auf die Bühne zu holen. Eine tänzerisch-musikalische Verbindung zwischen Hürth und Havanna, die El Nene beeindruckte: „Die Menschen in Hürth haben uns gezeigt, dass sie echte Kenner der kubanischen Musik sind“, staunte der Sänger, der mit bürgerlichem Namen Pedro Lugo Martínez heißt. „Es war großartig, zu erleben, wie die Leute aus der Region mitgemacht, mitgesungen und getanzt haben. Das war echtes karibisches Flair, mitten in Deutschland!“

Auch Regina Reiners, die mit vielen Helfern im Laufe des Abends unermüdlich dafür gesorgt hatte, dass die zahlreichen Gäste mit Getränken und Speisen versorgt werden konnten, war begeistert: „Dass in unseren Konzerten Leute tanzen, kommt häufiger vor. Dass sie von den Musikern auf die Bühne geholt werden, ist aber eine Besonderheit. An Abenden wie diesen merkt man einfach, wie groß die verbindende Kraft der Musik ist. Auch wenn man unterschiedliche Sprachen spricht und aus Ländern kommt, die tausende Kilometer voneinander entfernt liegen: Musik macht Verständigung möglich“, unterstrich Reiners und gab einen Ausblick auf einen Filmabend, den der Jazzclub in Kooperation mit dem Berli-Theater organisiert: „Mit dem heutigen Konzert haben wir karibische Lebensfreude nach Hürth gebracht. Damit dieses Lebensgefühl über den Sommer anhält, haben wir uns dazu entschieden, den beeindruckenden Film zu zeigen, den Wim Wenders fünf Jahre nach «Buena Vista Social Club» unter anderem mit El Nene gedreht hat.

Wildes Holz mit mannshoher Subbass- Blockfölte

Am Samstag gab es auf Burg Gleuel dann ein Wiedersehen mit der Band Wildes Holz. Das Ensemble aus Tobias Reisige (Flöten), Johannes Behr (Gitarre) und Markus Conrads (Kontrabass) ist seit Jahren Publikumsliebling in Hürth und brachte mit seinem Programm „Grobe Schnitzer“ Energie und gute Laune, aber auch ein paar Überraschungen mit. Und dazu gehörten nicht allein die unterschiedlichen Instrumente, mit denen Reisige dem Jazz die Flötentöne beibrachte – von der normalen Blockflöte, die sonst unter dem Weihnachtsbaum traktiert wird, bis hin zur mannshohen Subbassblockflöte, die an die hölzernen Prinzipalpfeifen einer großen Orgel erinnert. So gab es neben Hommagen an Herbert Grönemeyer („Mensch“) und die schwedische Pop-Formation Abba („Dancing Queen“) auch ein verblüffendes Arrangement von Johannes Brahms’ Ungarischem Tanz Nr. 5 zu hören. Von Reisige auf der Blockflöte gespielt und von Behr und Conrads als Rhythmusgruppe sekundiert, wurde die bekannte Komposition zu einer wilden Melange aus Vivaldi-Flötenkonzert und Gypsy Swing.

Am 17. August können Fans des Son Cubano sich im wunderbar nostalgischen Kino auf der Wendelinusstraße mit Wenders’ «Musica Cubana» musikalischen Nachschlag holen. Es lohnt sich!“
Termin: 17.8.2022, 20 Uhr
Berli Auslese präsentiert: Wim Wenders | Música Cubana

Ort: Berli Theater
Wendelinusstr. 45 – 49
50354 Hürth-Berrenrath

Tickets: Rang: € 6,50
Loge € 11,50
Tickets unter berli-huerth.de und an der Abendkasse

Kontakt:
Jazzclub Hürth e. V., Günter Reiners
Bruchstr. 29
50354 Hürth
Fon 0179 4983106
guenter.reiners@jazzclub-huerth.de

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