Joscho Stephan Quartet |

Gypsyswing and more

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 31.01.2022 |

Einfach umwerfend war das Konzert von Joscha Stephan und seinem Quartett am 22. Januar im Kulturrat Bochum Gerthe. Wie das Publikum, das am Ende zwei Zugaben ‚erzwang‘, hätte auch Django Reinhardt heftig applaudiert. Außer Gypsyswing waren auch Stücke anderer Stilrichtungen zu hören. Und das war sicher nur ein kleiner Einblick in das riesige Repertoire von Joscho, der mühelos zwischen den Genres wechselt und diese auch in einem Stück verbindet.

Der Bochumer Kulturrat ist eine erste Adresse für Gypsymusik. Joscho Stephan tritt in den letzten Jahren regelmäßig hier auf. Lulo Reinhardt war mit ’Gypsy meets India’ und seinem ’Latin Jazz Project’ hier, das Markus Reinhardt Ensemble, Danny und Kussi Weiss haben hier schon gespielt, Ricky Adler und viele andere. Als bisherige Krönung trat das Rosenberg Trio hier auf. Alle zwei Jahre im Sommer findet ein Gypsyfestival statt. Das weiß auch Joscho zu schätzen. Er bedankt sich beim Veranstalter dafür, dass hier trotz Corona so viel läuft, das sei nicht bei allen Locations der Fall. Im Kulturrat greift ein Hygienekonzept, das den Besuch sicher macht, und man kann die Konzerte entspannt genießen.

  • Gypsyswing, Beatles Songs, Klassik, Bossa Nova, Jazz

Reinhardt-Kompositionen wie Are you in the mood, Stompin at Decca, Sweet Chorus sind sozusagen das ‚must have‘ eines Gypsyjazz-Konzerts. Besonders interessant finde ich Django's Waltz, den Django wohl nie selbst gespielt hat, Joscho kombiniert ihn mit Made in France von Biréli Lagrène. In den Soli von Gitarre und Geige klingen auch Tango und Flamenco an, ein rasantes Crescendo am Schluss mündet in einen „berechtigten Applaus“, wie Joscho erklärt, denn die Band habe in dieses Stück viel Arbeit investiert.
Zwei Stücke aus dem Beatles-Album, Til there was you und Can't buy me love, sind dabei und Mozarts Rondo a la Turca, „kurz, aber intensiv“ - ein Kostprobe zu den kommenden Klassik-Konzerten (s.u.)? Aus dem klassischen Jazzrepertoire hören wir Take the A Train und Caravan. Gut gefällt mir auch der Bossa Dorado von Dorado Schmidt.

  • Das Quartett

Über Joscho Stephan haben wir schon oft geschrieben, seine Qualitäten sind gut bekannt. Der Rhythmus-Gitarrist Sven Jungbeck bildet das ‚Rückgrat‘ der Band. Ähnlich wie sonst der Drummersorgt er für das durchgehende Rhythmus-Skelett, das manchmal auch ganz schön komplex sein kann. Am Ende bei der Zugabe ist Sven auch mit einem Solo dabei. Volker Kamp an seinem riesigen Double Bass bildet mit oft ruhigen melodiösen Soli einen angenehmen Kontrast zu den sonst sehr schnell gespielten Soloinstrumenten. Außer dem Bass beherrscht er auch E-Bass, Blechblas- und andere Saiteninstrumente. Auf Joschos Beatles-Album hat er bei Norwegian Wood sogar Flügelhorn und Sitar gespielt. Das hätte mir heute auch gefallen und wäre ein besondere, nicht nur visuelle Bereicherung gewesen.
Sebastian Reimann an der Geige ist der zweite Star des Abends. Auch er ist immer wieder mit fulminanten Soli dabei und erinnert – sicher nicht ungewollt – an Stéphane Grappelli. Er hat in mehreren klassischen Orchestern gespielt. Mit Les Valseuses spielt er heute ein Stück von seiner neuen CD "Hommage á Stéphane", die er mit seinem Quartett aufgenommen hat, zu dem auch Sven Jungbeck gehört.

Am meisten beeindruckt mich das unglaubliche Tempo, mit dem die Musiker über ihr Griffbrett rasen oder den Bogen schwingen. Aber auch die Improvisationsstärke der Band ist überwältigend. Sicher ist vieles strukturiert und arrangiert. Doch was die Band über ihre hohe Virtuosität hinaus zu leisten vermag, wird besonders dort deutlich, wo mehr Platz für Improvisation bleibt und wo das Spielen auch ein Spiel wird. Bei den beiden Zugaben Minor Swing und Manior de mes Reves/If i had you integriert die Band vielfältige Zitate, z. B. von Sonny Rollins und Mozart, aus Those were the Days und Schwarze Augen mühelos in ihre Improvisationen.

  • 112. Todestag von Django Reinhardt

Morgen, 23. Januar ist der 112. Todestag von Django Reinhardt. Joscho spielt aus diesem Anlass Ballade Pour Django, eine Hommage an Django Reinhardt, die Joscho selbst geschrieben hat. Mich hat das Stück an Julien von Nils Landgren erinnert, der mit diesem Song ebenso besinnlich/liebevoll - wenn auch musikalisch ganz anders - an Cannonball Adderley erinnerte.
Aber schnell wie er ist, kommt schon am Sonntag eine Mail von Joscho. Er hat zu dem Todestag ein Video veröffentlicht:

Django Reinhardt - 112th Birthday Tribute - Manoir de mes rêves

  • INTERVIEW mit Joscho

Nach dem Konzert habe ich Joscho ein paar Fragen gestellt. Er beginnt im Februar eine Tour mit Konzerten in Bremen, Berlin, München, Frankfurt, in Hamburg in der Elbphilharmonie. Das Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle am 11.2. ist leider schon ausverkauft.

Diesmal ist aber alles anders, erzählt er mir, denn er sei als Gast bei Daniel Hope und dem Zürcher Kammerorchester eingeladen. Hope habe in der ersten Zeit des Lockdowns das “Hope at Home”-Format entwickelt, ein täglicher Livestream auf ARTE TV mit Klassik-Aufführungen in seinem Wohnzimmer. Daraus sei dann die Einladung entstanden auf dem aktuellen Album „America“ von Daniel Hope bei der Kurt Weill Suite als Gast mitzuspielen. Im nächsten Schritt komme nun eine komplette Tour durch ganz Deutschland. Bei den Konzerten wird Joscho parallel zur klassischen Musik des Orchesters improvisieren, das sei „für beide Seiten eine Herausforderung“.

Joscho ist aber nicht nur als Musiker, sondern auch im Bereich education tätig. Vor 10 Jahren hat er seine Gypsy Guitar Academy gegründet, in der man anhand von Downloads, Videos und Skripten das Gitarrespielen erlernen kann. Die zugehörige Homepage ist technisch hoch entwickelt, alle musikalischen Arbeiten erledigt er selbst.
Die Academy ist für Gitarristen jedes Levels und Alters interessant, da die Lessons regelmäßig erweitert werden und das Material so vielseitig ist, dass für jeden Spieler genügend Unterrichtseinheiten zur Verfügung stehen.
Joscho ist 42 Jahre alt, auf die Frage, ob er nicht vor allem Musik für ältere Leute mache, sagt er: „Sicher findet man in meinen Konzerten nur wenige Besucher die wesentlich jünger sind als ich, aber durch den Social Media Bereich (Youtube, Facebook etc.) erreichen wir nun auch viele neue Leute, die dann irgendwann hoffentlich auch als Konzertpublikum nachwachsen werden. Ich selbst werde ja auch nicht jünger und habe dann irgendwann das Durchschnittsalter meines Publikums erreicht.“

Auf die Frage, ob er nicht auch singen könne, antwortet er: "Ich wäre gerne Sänger geworden, musste aber frühzeitig feststellen, dass ich leider keinen großen Stimmumfang, bzw. schöne Stimmfarbe habe, von daher bleibe ich der Gitarre treu."

https://www.joscho-stephan.de/