Festival, NRW, international

Platzhirsch macht Musik und Emotionen groß |

Zehnte Ausgabe wuchs über sich hinaus

Text & Fotos: Stefan Pieper

Duisburg, 03.09.2022 | Auch im letzten Jahr ließ sich das Duisburger Platzhirsch-Festival nicht unterkriegen und hatte unter Ausnahmebedingungen eine gute Lösung im Verbund mit dem Duisburger Kultursommer geschaffen. Die aktuelle zehnte Ausgabe konnte jetzt wieder in die Vollen gehen – und wuchs dabei künstlerisch noch mal weit über sich hinaus!

Für die Stadt Duisburg ist das ehrenamtliche Engagement der Festivalmacher vom Kultursprung Verein ec. ein immenser Mehrwert: Mit geringem öffentlichen Förderungsaufwand belebt hier ein Festival von internationalem künstlerischen Format viel mehr als nur die Duisburger Innenstadt. Damit noch nicht genug: Als Gratis-Event war auch die zehnte Festivalausgabe wieder als Geschenk ans treue Publikum konzipiert. Thorsten Töpp und Sebastian Schwenk bilden dabei ein künstlerisches Leitungs-Duo, in dem verschiedene Musikszenen und Generationen zusammenkommen, und so etwas setzt sich in einer bunten Publikumsdurchmischung fort. Auch das ist nicht das schlechteste Rezept gegen Erstarrungstendenzen in manch allzu etablierten Kultur-Milieus.

Ein Raum, der alles groß macht...

Die Sankt-Josefs Kirche bildet dabei die Hauptspielstätte. Dieser Raum macht alles groß. Und zwar nicht nur die Akustik. Sondern auch die Kreativität der hier auftretenden Besetzungen, die viele emotionale Kanäle zu ihrem Publikum öffneten. Tief aus der Urgründen Neuer Kammermusik schöpften drei Streicherinnen, bestend aus der Moerser „Artist in Residence“ Tomeka Reid am Cello zusammen mit den Violinistinnen Jean Cook und Gunda Gottschalk, die spontan für die erkrankte Eddy Kwon eingesprungen war. Treffsicher, klanglich wohldosiert mit aufregender innerer Spannung aufgeladen überspannte der Improvisationssfluss lyrische, zugleich hochkomprimierte Klangzustände, die dabei auch noch erfrischend spontan wirkten.

Auch für das Projekt Empire wirkte die Energie des Raumes und die Schwingung im Publikum als Ausgangsmaterial, um in entrückte Traum-Sphären hinein zu entführen. Wie nahe verwandt sind doch die Vorgänge auf dem Griffbrett eines Streichinstruments und die Möglichkeiten der Klangformung auf dem Touchpades, mit denen Kohen Erhel auf seinem Synthesizer die weiten Zwischenwelten jenseits festgelegter Notenwerte durchmisst – auch Thorsten Töpp zeigte sich mit fantasievollen Manipulationen des Gitarrenklangs für all diese Abenteuer offen.

Konfrontation

Es gibt nichts, was sich nicht noch steigern bzw. durch neue Begegnungen mit frischer Energie aufladen ließe. Besonders exklusiv wurde das Zehnte Platzhirsch-Festival durch eines der seltenen Gastspiele von Sainkho Namchilak. Jahrzehnte, bevor viele Sängerinnen das freie Experimentieren mit Stimme endeckten, formulierte diese Künstlerin aus der autonomen russischen Republik Tuva eine kompromisslose vokale Sprache unter Einbeziehung einschlägiger Throat-Singing-Techniken aus ihrer eigenen Kultur. Jetzt „beantwortete“ der belgische Elektronik-Musiker Jochem Beaus alias Slumberland Namchilaks mystische Stimme mit harschen Industrial-Texturen, um dadurch eine ganz neue Erdung, Spannung und Konfrontation zu erzeugen. So mancher Purist im Publikum war irritiert. Aber genau so etwas braucht es!

Diskurse

Zeitgenössisches Theater befreit Geist und Fantasie – also ist so etwas auch auf einem Festival wie Platzhirsch bestens aufgehoben. Anna Luise Binders gleichnamiges Stück „Die Roboterinnen“ behandelt die Existenzfragen der Zukunft. Ist Bewusstsein ein menschliches Privileg? In wessen Händen liegen die Entscheidungen über das Schicksal des Planeten? Der dringend notwendige Diskurs über solche Fragen wird in diesem neuen Stück in eine Art szenisch-musikalische Rezitation verpflanzt. Eigenartige Objekte kreisen durch den abgedunkelten Raum. Wie ein Mantra verweben sich die Vocoderstimmen der virtuellen Protagonistinnen zum hypnotischen Fluss. Extrem treffsicher ist die musikalisch-klangliche Realisation, in welcher sich künstlerische Stimmen zu einer sakralen polyphonen Textur verweben.

Spaß und Widerstand

Draußen auf dem Dellplatz lebt ein buntes Gegenteil von meditativer Versenkung – bei gleichbleibendem Level an verbindender Energie durch Musik. Ein skurriler Typ, der wie eine Mischung aus Jesus, Marsmensch und Steampunk anmutet, traktiert ein Schlagzeug und riesige Batterien von selbstgebaut aussehenden Vintage-Synthesizern. Es ist kein geringerer als der britische Solo-Performer Paddy Steer – und seine Apparate konnen einiges, wie hier ein maximal technoider Groove unablässig lustige Melodien vor sich her treibt. Und hinter allem Spaßfaktor steht feingewebtes Raffinement, so viel ist klar. „Kapitalismus oder Kapitulation?“ ist eine Frage, auf in heutiger Zeit nicht gerade eine Patentantwort vom Himmel fällt. So geht ein Songs der Münchener Noise-Punk-Band „Friends of Gas“ . Viel Distortion und ganz viel kaputte Stimme seitens der Sängerin Nina Walser sind zumindest in ästhetischer auf Widerstand gebürstet. Station 17 erntete einst als Musikprojekt einer therapeutischen Wohngruppe in Hamburg viel Aufmerksamkeit. Der schöne Aspekt der kontinuierlichen Entwicklung dieser Band besteht darin, dass dieser Aspekt überhaupt keine Rolle mehr spielt bei der Wahrnehmung dieser coolen Band, die auf dem Dellplatz mit ihrem dyamisch-krautrockigen Flow verzauberte.

Verwandlungskunst

Eckart Pressler, der für die Produktion des „Roboterinnen“-Stückes mitverantwortlich zeichnet, betreibt seit vielen Jahren die Jazzreihen in der Säule – und bereicherte damit das Spektrum an Venues beim Platzhirsch mit behaglichem Studiobühnen-Flair. Was nicht zuletzt der Band Hilde zu Gute kam, die sich auf ihre unnachahmliche Weise in die Lyrik ihrer Stücke, (es waren auch einige neue dabei) einfühlsam hinein improvisierte. Amelie Widbrodt, Cello, Julia Brüssel, Violine, Maria Trautmann, Posaune und Marie Daniels, Stimme vereinten sich einmal mehr zu einer unnachahmlichen, sensibel ausdifferenzierten Verwandlungskunst. Und diese Musikerinnen „können“ auch Jazz – was vor allem die Zugabe bewies!