Festival, international

Tolle Venues, vielseitige Musik |

Tampere Jazz Happening 2022

Text: Christoph Giese | Fotos: Maarit Kytöharju, Rami Marjamäki

Tampere, 18.11.2022 | Im letzten Jahr feierte Tampere Jazz Happening seine 40. Festivalausgabe und ist längst zu Finnlands internationalem Aushängeschild in Sachen Jazz. In diesem Jahr wuchs das Festival noch einmal über sich hinaus. Daskonnte unser weitgereister Jazz-Korrespondent Christoph Giese erfahren…

Gefühlt fragt sie nach fast jedem Stück das Publikum wie es sich fühlt. Überhaupt scheint Nubya Garcia gerne zu plaudern an diesem Abend. Auch welches Stück denn als nächstes gespielt werden soll, bespricht sie auf der Bühne mit ihren Musikern für alle hörbar. Das kann man spontan und authentisch nennen, aber auch fürchterlich finden. Musikalisch jedenfalls liefert die so angesagte Britin mit karibischen Wurzeln mit ihrem Quartett beim Tampere Jazz Happening ihre gewohnte lässige bis bissige Mischung aus mitunter spirituellen Saxofonlinien, gepaart mit Dubstep, Reggae oder Broken Beats. Einiges ist packend gespielt, manches hat Längen, ein minutenlanges Solo ihres Kontrabassisten ist gar ein wenig langweilig. Am Ende aber will und bekommt das Publikum eine Zugabe und alle scheinen zufrieden.

Auch US-Trompeter Theo Croker kommt lässig daher mit seiner Mischung aus HipHop, ein wenig Elektronik und Jazz, der auch aus den Sechziger Jahren stammen könnte, auch wenn die Bass-Grooves und Schlagzeug-Breakbeats hip und sehr zeitgemäß klingen. „Jazz Is Dead“ singt Croker zu Beginn des Konzertes – und zeigt anschließend, dass das natürlich nicht stimmt. Auch indem er Wege sucht, Tradition und moderne Strömungen zu verbinden. So provokant wie seine gesungene Aussage ist sein Musikmix allerdings an diesem Abend überhaupt nicht, eher gute, groovende Unterhaltung, dargeboten von sehr guten Musikern.

Frischer Bigband-Wind und mächtiges Ohrenkino

Entdeckungen sind in Tampere andere. Etwa die im norwegischen Trondheim lebende, dänische Altsaxofonistin Mette Rasmussen mit ihrem Trio North. Zusammen mit dem norwegischen Bassisten Ingebrigt Håker Flaten und US-Drummer Chris Corsano gelingt es der auf der Bühne zudem sehr sympathisch rüberkommenden Saxofonistin eine komplexe Musik zu spielen mit immer der richtigen Balance aus Klangsuche, totaler Freiheit und Struktur. Narrative Klänge und expressive Ausbrüche kennzeichnen das Saxofonspiel der energievollen jungen Dänin, die sich durch das rhythmische Feuer ihrer beiden Kollegen nur zu gerne antreiben lässt. Viel frischen Bigband-Wind verbreitet das französische Ensemble GRIO (Grand Impérial Orchestra). Sieben Franzosen und der finnische Pianist Aki Rissanen begeistern am letzten Festivaltag mit Spielwitz und immer wieder überraschend orchestrierter Musik, in Szene gesetzt von einer ganz starken, fünfköpfigen Bläserabteilung mit undogmatischem Tatendrang. Das Ensemble spielt mit der Jazztradition und startet dennoch durch zum eigenen Klangkosmos. Großes, mächtiges Ohrenkino. Mächtig, wild und nach Freiheit klingen auch der Saxofonist Isaiah Collier und seine Band The Chosen Few. Der erst Mittzwanziger aus Chicago präsentiert sich in Tampere als Reinkarnation von John Coltrane, so spirituell und intensiv spielen er und seine drei Jungs auf. Das Quartett lässt keine Zeit zum Luftholen, das ganze Set ist eine Tour de Force mit donnernden Drums, die Jazzgeschichte mit viel Vorwärtsdrang ins Hier und Heute holt. Dass direkt im Anschluss mit Drummer Hamid Drake und seinem schillernden Alice Coltrane-Projekt Turiya gleich noch einmal dem großen Namen Coltrane gehuldigt wird –damit beweist der künstlerische Leiter und Produzent des Festivals, Juhamatti Kauppinen, viel Feinsinn für eine spannender Programmierung.

Angebote für junges Publikum

Am Eröffnungsabend und zum Festivalausklang gibt es Musik mit freiem Eintritt. Auch um ein neues, ein junges Publikum zum Jazz zu locken. Die Rechnung geht auf, eine lange Schlange bildet sich am Eingang zum Festivalauftakt. Und der neugierige Musikliebhaber wird gleich bei der ersten von drei jungen Bands aus Finnland und Norwegen gefordert. Denn das finnisch-norwegische Ville Lähteenmäki Trio um den heißlaufenden finnischen Bassklarinettisten Ville Lähteenmäki spielt drängend, freigeistig, wild, wütend. Man hört den Einfluss spirituell orientierter Jazzgrößen, vielfach Saxofonisten, längst vergangener Jahrzehnte, doch hier begibt sich einer auf seinem Instrument auf seinen eigenen Trip. Und mit dem norwegischen Trio I Like To Sleep und ihrem Power Jazz/Prog Rock, gespielt auf Vibrafon, Bariton-Gitarre und krachenden Drums, klingt das Festival stürmisch aus.

Was das Tampere Jazz Happening sehr angenehm macht: Alle drei Venues sind nah beieinander, zwei davon, der große Saal Pakkahuone und der kleine, „Klubi“, gar im gleichen Gebäude, einem alten Zollhaus. Und das Restaurant und Theater Telakka liegt nur eine Gehminute entfernt. Dort stellen sich an zwei der vier Festivalabende finnische Bands aller Couleur vor. Etwa die Sängerin und Komponistin Selma Savolainen aus Helsinki, die mit ihrem Sextett mit dem bedeutungsvollen Namen Horror Vacui allerdings überhaupt keine Angst vor der Leere zeigt, sondern mit ihren eigenwilligen, textlich vielleicht nicht immer überzeugenden Indie-Jazz-Songs eine frische Facette in den modernen Jazz bringt. Beim Joona Toivanen Trio muss man als Zuhörer Geduld mitbringen, denn der Pianist und seine beiden Mitstreiter lassen sich Zeit beim Aufbau ihrer introspektiven Klangbilder. Aber dafür bekommt man ein akustisches Pianotrio zu hören, das nach neuen Wegen für einen ganz eigenen Bandsound sucht.