Album, NRW

The Dorf |

Protest Possible

Text: Stefan Pieper

Dortmund, 22.01.2022 | Yes! No! Protest Possible! steht auf dem Cover des aktuellen Albums von "The Dorf". Die Musik dieser großen Band klingt genauso, wie die Optik suggeriert und ist der Sprache immer dicht auf den Fersen. Die Songs, Slogans und Sprachspiele reflektieren gesellschaftliche und individuelle Befindlichkeiten im Turbokapitalismus.

Die Sängerinnen Marie Danielsund Oona Kastner machen ihren Job exzellent. Das kommt den Wörtern und Sätzen zugute, die sich die von Jan Klare exklusiv beauftragten Autorinnen und -autoren haben hierzu einfallen lassen.

Das Titelstück „Protest Possible“ lässt The Dorf wie eine auf Orchesterformat hochfrisierte Punkband erscheinen. „Selbständig“, getextet von der österreichischen Lyrikerin und Dramatikerin Natascha Gangl macht aus dem Getriebensein einer Lebensform ein Sprachspiel, in das sich die musikalischen Strukturen der Band einklinken. Eine Mischung aus Agitprop-Song und Kabarett-Nummer kreiert das Stück „Sag warum?“, das einen neuen Text des Jazzautoren Wolf Kampmann vertont. Preußischer Militarismus, Nazi-Faschismus, DDR-Realsozialismus, später die Verblendungen der Konsumwelt und die schließlich die Auflösung des Individuum in digitaler und medial generierter Systemlogik ersticken als totale Herrschaftssysteme die Frage nach dem Warum.

Die Dramaturgie des Albums bleibt auch weiterhin dicht am Thema dran: Das Stück „And her Tongue“ formt einen Zungenbrecher-Silbensalat bestehend aus den Namen einschlägiger Helferlein der Pharmaindustrie, die alles zu ertragen helfen. Die Nummer „Du, Du, Du“ als schicke Soulballade ironisch aufpoliert, rückt einmal mehr dem Zustand von Beherrschtsein zu Leibe. Durch wen eigentlich? Einen Menschen? Eine Maschine? Einen Algorithmus?

Tierfreier Nichtraucherhaushalt

Zugänglich-heiter, fast etwas wie „easy-listening“ und garniert mit fröhlichen Blechfanfaren liefert das „Tyrannenlied“ vom Menschenfänger ein Psychogramm aller toxischen Verführer. Und da ja - eigentlich ist doch der ganze Kapitalismus in seiner Totalität ein Todeskult - folgert die britische Journalistin Laurie Penny in einem ihrer Artikel, aus dem ein Stück für das neue „Dorf“-Album entstand. „Tierfreier Nichtraucherhaushalt“ ist eine Sprachschöpfung, die an sich schon sowas von symptomatisch für heutige Zivilisationsneurosen ist. Grund genug für eine kleine Rockjazzoper von The Dorf, in der die Theaterautorin Lisa Danulat ins laute Nachdenken kommt. Auf einer ähnlichen Welle funkt schließlich das treibende Finalstück „Selbst und Sucht und Sehen,“ welches Jan Klares Bruder, der Publiziert Jörn Klare beisteuerte.

Die musikalische Steigerungskurve der 27 Musikerinnen und Musiker ist zu diesem Zeitpunkt längst auf dem Zenit unterwegs und bleibt dort oben. Von den plakativen Oberflächen der Songs ausgehend tauchen die Arrangements in das weite Universum raffinierter Möglichkeiten ein, die es in dieser Mischung wohl nur in diesem Klangkörper, der sich allmonatlich im Dortmunder domicil zusammen findet gibt. Kompliment auch dafür, wie flexibel die rhythmischen Strukturen dem Gestus der Wörter und Silben folgen.

The Dorf

Protest Possible

Umland Records 2021