Festival, international

Ein alter Held und neue Stars |

Trans4Jazz 2022

Text: Christoph Giese | Fotos: Hans Bürkle

Ravensburg, 21.11.2022 | Festivalhighlight in Baden-Württemberg: Das Trans4Jazz Festival in Ravensburg und im benachbarten Weingarten. Unser "Festival-Reisender" Christoph Giese ließ sich mit offenen Ohren treiben und erstattet Bericht...

Wie er so von der Bühne schleicht, da merkt man schon dass Lee Ritenour nicht mehr der Allerfitteste ist. Runde 70 Jahre alt ist der Kalifornier. Aber seine Gitarren spielen, das kann der Amerikaner noch immer vorzüglich, wie er im wunderschönen, historischen Konzerthaus von Ravensburg zeigt. Im Quartett mit Sohnemann Wesley Ritenour am Schlagzeug gibt es einen feinen Querschnitt durch Jazz-Rock, knackigen Groove-Jazz und Fusion. Mit flächigen Gitarrensounds vom Meister, aber auch seinen eleganten Single Note-Linien, wie in Oliver Nelson gefühlvoll vorgetragenem Klassiker Stolen Moments. Einfach schön.

Die alte Zehntscheuer aus dem 14. Jahrhundert war wie jedes Jahr gleich zwei Mal am Festivalsamstag Spielort. Am Morgen zunächst wie immer mit einer kostenlosen Matinee. Da brachte die schon lange in der Schweiz lebende, kubanische Geigerin und Sängerin Yilian Cañizares mit ihrem Landsmann Inor Sotolongo an Drums und Perkussion sowie dem Mosambikaner Childo Tomas an E-Bass, Gitarre und Gesang ihr in Pandemiezeiten gegründetes Resilience Trio mit nach Ravensburg. Kubanische Rhythmen, Klassikeinflüsse und Jazz, daraus macht das Trio in der gemütlichen Location einen manchmal leicht spirituell angehauchten Auftritt, der mit Rhythmen und Lebensfreude punkten kann und das Publikum zum Mitsingen und am Ende sogar zum Tanzen animiert.

Trompeter Matthew Halsall aus Manchester ist einer dieser Kreativköpfe der so pulsierenden jungen britischen Jazzszene. Der Sound seiner Band, der mit Harfe oder auch Flöte ungewöhnliche Instrumente mit einbindet, erinnert mit seinen unaufgeregten Klangbildern an den spirituellen Jazz der 60er und 70er Jahre. In der Zehntscheuer verwöhnen die Briten mit lyrischen, weit ausgreifenden Melodielinien und zumeist wohltuend entspannten Klängen. Und der Bandleader, der nimmt sich selbst oft zurück, hockt dann am Bühnenboden und hört einfach seiner exzellenten sechsköpfigen Truppe zu, bevor er dann wieder zu seiner Trompete greift um eindringliche Linien in den Fluss der Musik einzufügen. Den Snarky Puppy-Gitarristen Mark Lettieri mit seiner eigenen, knackigen Funk-Jazz-Band zum „Wake Up Concert“ am Sonntagmittag in das Kulturzentrum Linse im Nachbarort Weingarten erweist sich als ideale Besetzung. Denn mächtige E-Bass-Grooves, knochentrockene Schlagzeugbeats, gewitzte Sounds vom Keyboarder und vor allem das einfallsreiche Spiel Lettieris auf E- und Baritongitarre wecken jeden im ausverkauften, ziemlich warmen Saal auf. Ein wenig kühl war es dagegen in der Evangelischen Stadtkirche beim Gastspiel vom Jazzchor Freiburg, der allerdings das Publikum mit einem feinen Programm, darunter auch mit einem für einen Jazzchor ungewöhnlichen Fokus auf Hits aus der Fusionjazz-Szene, zumindest das Herz erwärmte.

Und dann war da noch Lady Blackbird, eine echte Erscheinung. Extravagant sieht die Amerikanerin aus, mit ihrem Outfit und dem wasserstoffblonden, riesigen Wuschelkopf. Die Sängerin, die eigentlich Marley Munroe heißt, sich aber nach Nina Simone´s Rassismus-kritischen Song Blackbird aus den 1960ern benannt hat. Und in Ravensburg vor allem mit eigenwilligen Coverversionen alter, nicht immer so bekannter Songs das Publikum sofort um den Finger wickelt. Ihre Musik ist aufregend, dringlich, aber zugleich rockig, sexy und rebellisch. Was für eine Mischung. Und was für eine Stimme hat diese Frau. Dunkel und mächtig, raumausfüllend. Aber auch berührend, verletzlich und warm. Gänsehaut pur mit einer Predigerin der Black Music vergangener Jahrzehnte, die irgendwie wunderbar retro und dabei doch auch nach dem Heute klingt. Und wie sie das durch Gloria Gaynor´s Discoversion berühmt gewordene I Am What I Am in einer der stürmisch geforderten Zugaben herunterbricht auf die pure Essenz des Songs – einfach magisch, so wie der ganze Auftritt von Lady Blackbird. Zum Glück ist jetzt eine Doppel-CD Deluxe-Edition ihres fantastischen Debütalbums Black Acid Soul erschienen. Damit lässt sich immerhin ein Teil der Magie dieser Künstlerin jederzeit ins heimische Wohnzimmer holen.