Rezension Fachbuch

Blues-Biografie |

John Mayall - The Blues Crusader

Text: Heinz Schlinkert

Zürich, 12.07.2022 | Wer wann warum in John Mayalls Band mitgespielt hat, von welcher Band er, z. B. Clapton, kam, welche Alben mit welchen Songs Mayall mit ihm produziert hat, bei welchen Tourneen er dabei war, warum er dann zu welcher anderen Band gegangen ist und was er dort gespielt hat – wenn man all dies wissen will, dann ist dieses Buch goldrichtig. Dinu Logoz hat darüber in Abstimmung mit Mayall – bei uns meist unbeachtet - vor sieben Jahren ein Buch geschrieben, das auf Englisch in der Züricher Edition Olms erschienen ist.
Von Kindheitsstories und Schulgeschichten bleibt der Leser weitgehend verschont. Klar wird, Mayall hatte es nicht leicht mit seinem Vater ('A Hard Road'). Über sein Privatleben erfährt man nur, dass er verheiratet war und Kinder hatte, was den damals 30jährigen anfangs im Verhältnis zu seinen ca. 10 Jahre jüngeren Bandmitgliedern recht 'alt' aussehen ließ. So fungierte der 'Godfather of British Blues' auch als 'Father of young Bluesmen'.

John Mayall, Eric Clapton, Hughie Flint, John McVie

  • Biografie als Abfolge von Band-Konstellationen

Mayalls Leben wird hauptsächlich als bewegte Geschichte seiner Bands dargestellt. Mayall selbst bildet dabei den 'Fels in der Brandung', in der in stetigem Wechsel Musiker auf- und abtauchen und manchmal – wie Clapton – wiederkommen, um sich dann endgültig abzunabeln. Darum geht es in diesem Buch nicht nur um Mayall selbst, sondern auch um die vielen anderen Musiker, die mit Mayalls Band berühmt geworden sind: Eric Clapton, Peter Green, Mick Taylor, John McVie, Blue Mitchell, Ansley Dunbar und viele andere.

In 12 Kapiteln wird die Bandgeschichte phasenweise beschrieben. Es geht dabei vor allem um die Musiker, um Alben und die einzelnen Songs, aber auch um Studio-Aufnahmen, Tourneen und Kooperationen mit anderen Musikern, z. B. mit Jimy Hendrix. Die ersten 10 Jahre bilden mit gut 100 Seiten den Schwerpunkt der Darstellung. Das gibt es in ähnlicher Form auch von anderen Autoren. Dinu Logoz' Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es auch die folgenden 40 Jahre bis heute differenziert beschreibt, auch wenn die Entwicklung seit den 70ern langsamer vonstatten ging und Returns und Revivals, nicht aber Jazz eine wichtige Rolle spielten. Mayall förderte aber weiterhin junge Musiker und wird deshalb am Ende des Buches mit Art Blakey und Horace Silver verglichen.

Auf weiteren 100 Seiten bietet das Buch Informationen über Mayalls Gitarren und Keyboards, eine sehr ausführliche 'Bandography' und eine 'Diskography'. Viele teils farbige Fotos sind zu sehen, auch wenn die darunter angeführten Namen nicht immer in der richtigen Reihenfolge stehen.*

  • Mayall und Jazz

Ich war erstaunt, welch wichtige Rolle der Jazz zeitweise spielte. Für Mayall selbst war Jazz anfangs kein Thema, aber über neue Mitglieder erhielt die Band viele Impulse, zu denen zeitweise auch der Jazz gehörte. So spielte schon 1964 auf der berühmten Bluesbrakers-LP Alan Skidmore mit, bei Have you heard about my baby (s.o.) ist beim Intro mit einem ganzen Chorus dabei. Die Bläser spielten anfangs wohl nur im Studio mit. Mit dem Bassisten Jack Bruce standen auch Improvisationen auf der Tagesordnung der Band.

Jazz oder Blues? - das war oft die Frage. Für Bassist John McVie war die 'Jazzlastigkeit' ein Grund, sich endgültig von dieser Band zu verabschieden. Bare Wires mit Dick Heckstal Smith und John Hiseman wurde ein großer Erfolg, doch Mayall löste seine 7köpfige 'Bigband' schnell wieder auf, sie war „nearer to jazz than blues“ (S.92)
Doch auch das Album Turning Point basiert auf Jazz-Einflüssen. Mayall hatte sich von dem Soundtrack 'Train and the River' mit Jimmy Giuffre, Jim Hall und Bob Brookmeyer inspirieren lassen und baute seine Band instrumental entsprechend um. Deshalb keine Drums, keine EGitarre, stattdessen spielte fingerstyle Guitarist John Mark. Außerdem basiert die markante Bassline von California auf einem Stück von Dizzy Gillespie. Und sogar beim berühmten Newport Jazz Festival 1969war Mayall dabei.

In der Zeit des Jazz-Rocks mit Bands wie Chicago und Blood Sweat & Tears war dann der Jazz auch in Mayalls Band angekommen. Fusion war im Jazz angesagt, zu Mayalls Jazz Blues Fusion (1972) gehörten Clifford Salomon (ts) und Blue Mitchell (tp), die sich schon vorher im Jazz einen Namen gemacht hatten. Doch die Jazz-Orientierung blieb nur eine vorübergehende Erscheinung.

  • Weißer Blues - 'kulturelle Aneignung' - political correctness?

"I been tryin' to tell you people
That the blues hit me in my life
You know I was born for trouble
And it's a hard road till I die." (A Hard Road)

Doch darf ein Weißer überhaupt schwarzen Blues singen? Vor einiger Zeit gab es bei einer Veranstaltung von Fridays for Future einen kleinen Skandal. Eine Sängerin wurde ausgeladen, weil sie Dreadlocks trägt, das sei ein Akt der 'kulturellen Aneignung'. Ähnlich muss es Mayall ergangen sein, als er als Weißer 'schwarzen' Blues spielte. Im Buch wird er zitiert mit eine Bemerkung, dies sich auf giants wie Freddie King und auf den jungen Clapton bezieht:

„I know damn well that many so-called purists would say that because Eric wasn't born an American Negro he couldn't seriously be compared with these giants. I feel this is a very narrow attitude ..“(S.35)

Doch damit hat sich das Thema im Buch schon erledigt. Gibt es da nicht noch mehr zu berichten?

  • was fehlt ...

Die Darstellung im Buch bezieht sich fast nur auf die Geschichte der Band. In diese 'Blase' der damaligen britischen Musikwelt dringen nur wenige Informationen aus der Außenwelt. Mir haben sich bei der Lektüre weitergehende Fragen gestellt:
- welche Bedeutung hatte der gesellschaftlich-politische Hintergrund? J.B. Lenoir z. B. wird zwar kurz genannt, aber die zeitgeschichtlichen Implikationen sind kein Thema
- was macht den weißen Mayall-Blues aus im Vergleich zum schwarzen Blues?
- wie bzw. warum hat sich Mayalls Musik – abgesehen vom lineup – weiterentwickelt, wie kam es z. B. zur weitgehenden Abkehr vom 12-Takt-Schema beim Album 'Turning Point'?
- wie wurde der 'weiße Blues' aufgenommen, kritisiert? (s.o.)
- und warum gibt es eigentlich kein Glossar, in dem man Musiker bzw. Stücke gezielt suchen kann?

Das Buch enthält sehr viele Details, die man nicht wirklich alle braucht. Man bekommt aber einen intensiven Eindruck von der Dichte und Dynamik der damaligen Musikszene. Große Linien dagegen sind nicht erkennbar, aber vielleicht ist das eher ein Thema für einen späteren Nachruf? Mayall ist inzwischen 88 Jahre alt und spielt immer noch, nur auf Tourneen verzichtet er inzwischen. Erst im Januar erschien sein Album The Sun is Shining Down.

*Beim Cover des Bluesbraker-Albums (s. Foto oben rechts) stimmen die Namen der den Personen nicht. Richtig (v. l. nach r.): John Mayall, Eric Clapton, Hughie Flint, John McVie.

Dino Logoz, John Mayall - The Blues Crusader, His Life - His Music - His Bands
Edition Olms Zürich 2015
Sprache: Englisch, Umfang: 272 Seiten
ISBN-13: 9783283012281
Bestellnummer: 7630295

https://www.johnmayall.com/