Jazz education

Vortrag von Philipp Teriete beim 17. Darmstädter Jazzforum |

Narrativ vom 'Self-Taught' Genius

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Wilfried Heckmann

Darmstadt, 25.09.2022 |

'In den Anfängen von Blues und Jazz hatten schwarze Musiker keine Ausbildung. Sie kamen aus ärmlichen Verhältnissen und konnten nicht mal Noten lesen. Sie haben mit allen Konventionen gebrochen und mit ihren Improvisationen eine radikal neue Musik geschaffen, hinter der sich die weißen notenblattfixierten Musiker verstecken konnten.' Solche gängigen Vorurteile entbehren jeder Grundlage und sind im Zusammenhang eines 'positiven Rassismus' zu sehen.

Philipp Teriete hat das genauer untersucht und seine Ergebnisse beim 17. Darmstädter Jazzforum (30. 9. bis 2. 10. 21) vorgetragen. Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt hat die Referate inzwischen in dem Band 'ROOTS | HEIMAT Diversity in Jazz'* veröffentlicht.

Der erste Teil der Tagung stand unter der Fragestellung 'Wie wird kulturelle Identität geformt und deren Wahrnehmung beeinflusst?'. Teriete konnte mit seinem ausführlichen Referat 'Ausbildungskanon an den Historically Black Colleges and Universities im späten 19. und frühen 20. Jahrhundertund der Einfluss auf den frühen Jazz' wichtige Aspekte beitragen.

  • Narrativ vom 'Self-Taught' Genius

Entgegen der gängigen Annahme, dass man als Schwarzer in der Frühphase des Jazz weder auf einer Schule noch auf einem Konservatorium eine musikalische Ausbildung bekam, haben neuere Studien bewiesen, das viele schwarze Musiker über gute Lesefähigkeiten von Noten verfügten. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Historically Black Colleges and Universities (HBCU), die nach dem Bürgerkrieg gegründet worden waren, 1936 existierten in den USA 99 davon. Wegen der Rassentrennung gab es eigene Schulen für Afroamerikaner.

  • Musikalische Ausbildung für Afroamerikaner nach deutschen Konzepten

Viele der an den HBCUs unterrichtenden Professoren hatten in Deutschland oder Frankreich studiert und verbreiteten so als Multiplikatoren europäische Curricula in den USA.
Es ist daher kein Zufall, dass viele der Protagonist:innen des Ragtime, Blues und Jazz Unterricht bei deutsch/deutsch-amerikanischen Musiklehrer:innen hatten“ (S. 26) sagt Teriete. Besonders wichtig war das Leipziger Modell, nach dem auch viele der in die USA immigrierten deutschen Musiker lehrten. Scott Joplin, James Reese Europe, Lillian Hardin, Louis Armstrong, Earl Hines wurden so ausgebildet. Besonders wichtig waren das Oberlin College Conservatory of Music in Ohio und die Fisk University in Nashville, aber auch in Chicago, New York, Alabama, Havard und anderswo waren HBCUs vertreten.

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Gelehrt wurde im Bereich der 'klassischen' Musik und im Bereich Ragtime/Blues/Jazz. Nathaniel Clarc Smith (1877-1935) z. B. hatte zeitweise in London studiert und unterrichtete später Lionel Hampton, Bennie Moten, Charlie Parker u.a.
William C. Handy hatte schon in seiner Kindheit Orgelunterricht und erhielt danach eine profunde musikalische Ausbildung bei verschiedenen Lehrenden. Auch über die Ausbildung von Duke Ellington, James Reese Europe, Coleman Hawkins kann man einiges erfahren.

Die Ausbildung war eine wichtige Basis für die Karrieren der Musiker
„Sie lernten anhand von „klassischem“ Repertoire das Notenlesen und konnten es unmittelbar in Ragtime- und Jazzensembles anwenden. Außerdem konnten sie beim Spielen, Komponieren und Arrangieren auf ihre instrumentalpraktischen und satztechnischen, kompositorischen Kenntnisse zurückgreifen ..“ (S.42)

Rhythmik, Phrasierung und Improvisationstechniken wurden demzufolge erst später verändert, um sich von der europäischen Tradition abzugrenzen! Die Entwicklung des Jazz ist deshalb als „Affirmative Sabotage“ zu sehen, bei der man bekannte Systeme „übernimmt und nutzt, zugleich affirmiert und dekonstruiert.“ (S. 43).

  • Fazit

Ohne die musikalische Grundbildung der Musiker wäre es kaum zur Entstehung des Jazz als autonomer Kunstform gekommen. Leistungen und Originalität schwarzer MusikerInnen werden damit aber nicht infrage gestellt. Ragtime, Blues, Jazz, aber auch “Black Classicla Music“ sind hybride Stile, die von den Musikern einiges verlangen:

Diese kulturelle Vielfalt spiegelt sich im Schaffen und in der beeindruckenden künstlerischen Bandbreite schwarzer Musiker:innen wieder … sie konnten mühelos zwischen verschiedenen Stilen und Genres hin- und herwechseln, … weil sie sich diese künstlerische Meisterschaft und Freiheit hart erarbeitet hatten.“ (S. 52)

Philipp Teriete ist seit dem Sommersemester 2022 regulärer Professor an der Hochschule für Musik in Freiburg.

* Philipp Teriete, The Classical Training of Early African American - Jazz Musicians. Der musikalische Ausbildungskanon an den Historically Black Colleges and Universities im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und der Einfluss auf den frühen Jazz
in: Wolfram Knauer (Hg.) ROOTS | HEIMAT Diversity im Jazz - Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung Band 17 Wolke Verlag 2022 S.17ff

Über den gesamten Band wird demnächst eine Rezension bei nrwjazz.net erscheinen.