Electroacoustic Dada Jazz |

Trio Konkret zu Abstrakt bietet suggestive Klangreise

Text & Fotos: Heinrich Brinkmöller-Becker

Bochum, 27.02.2015 | Die Konzertankündigung des Trios Konkret zu Abstrakt lässt aufhorchen: Electroacoustic Dada Jazz. Im Vorjahr zu Dadas 100. Geburtstag mag diese Ankündigung ein geschickter Marketing-Gag sein, das gut 70-minütige Konzert zeigt das Gegenteil – zu erleben ist ein überragend spannender Abend, bei dem durchaus in dadaistischer Tradition scheinbar Unzusammenhängendes und Unpassendes zusammengebracht und Erwartungen Konventionellem gegenüber durchbrochen werden.

In der wunderschönen Aula des Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskollegs in Bochum mit seiner denkmalgeschützten 50er Jahre-Architektur und seiner konzertraum-reifen Akustik erfährt man nach den ersten Klängen, was Sache ist. Hier sind mit Frank Niehusmann (Velbert) und Ralf Haarmann (Münster, Berlin) zwei Soundfrickler mit vielfältigen Erfahrungen im Bereich elektronischer Klangerzeugung und entsprechendem Einsatz am Werk. Ergänzt werden sie von madame laclaque alias Annette Stricker aus Frankfurt, einer ausgewiesenen Opernsängerin und Performerin.

Das Trio fährt ein beachtliches elektronisches Arsenal auf mit Synthesizer, Hard- und Software, Sequenzer, Schlagwerk.

Frank Niehusmann entlockt seinen Sample Pads eine geradezu orchestrale Vielfalt: Sein elektronisches Schlagwerk enthält eine Sound-Bibliothek und eine Sammlung von Klängen, Samples von elektronischen und akustischen Instrumenten, von Licks, Riffs, von perkussiven und exotischen Sounds. Den eigentlichen Drumcomputer mit anschlagdynamischen Pads hat er raffiniert umprogrammiert zu einem eigenen Klangkörper. Samples, Phrasen, Licks, Pattern, Slap- und Clapbeats werden mit jedem Schlag aufgerufen und insgesamt zu einem raffinierten Klangkosmos amalgamiert. Dieser entspricht exakt dem, was Ralf Haarmann aus seiner Hard- und Software, z.T. mit Mandoline eingespielt und als Live-Sampling eingesetzt, an Klangzauber entwickelt. Die Mezzosopran-Stimme von madame laclaque – als einziges „natürliches“ Instrument in dem elektronischen Ensemble – verstört mit ihren Ansätzen eines opernhaften Modus von Arie und Koloratur. Ihre ganz offensichtlich klassisch ausgebildete Stimme oszilliert zwischen Operngesang, Noise, Lautproduktion. Sie rezitiert dadaistische Textfragmente, singt und moduliert variantenreich und trägt damit gemeinsam mit der eingesetzten Elektronik zu einem gelungenen, höchst suggestiven Klangerlebnis bei.

Insgesamt wirkt das Stimmenensemble wie eine intelligente Komposition, wie ein in Chronologie und Sound raffiniert zusammengesetztes musikalisches Opus – was es erstaunlicherweise nicht ist: Die Arbeit mit den verschiedenen Ingredienzen der technisch generierten, technisch verfremdeten und zum Teil per Live Sampling technisch verdoppelten Stimme von madame laclaque ist aleatorisch, vom Zufall generiert. Was die nahezu unendliche Optionalität der virtuellen Klangerzeugung bereit hält, wird in der Situation von den Performern improvisatorisch abgerufen und eingesetzt. Konkret zu Abstrakt setzt die Elektronik als Instrumente ein, mit denen improvisierte Musik erzeugt wird. Das ist in dieser improvisierten klanglichen und textlichen Form der Collage durchaus „dadaistisch“, in dem Spannungsverhältnis von Komposition und Improvisation „jazzig“.

Ist elektronische Musik häufig von gewisser Technikfixiertheit, von musikalischer Blutleere, von steriler Sphärik gekennzeichnet, zeigt das Trio von Frank Niehusmann, Ralf Haarmann und madame laclaque, dass es auch anders geht. Ihre Technik ist kein Selbstzweck, sie wird für ein musikalisches Abenteuer genutzt, das in der Tat von konkreten Klängen zu abstrakten Klanglandschaften führt. Diese finden übrigens noch eine zusätzliche ästhetische Dimension im Optischen. Aus der Computerkiste von madame laclaque werden zwei Bildsequenzen projiziert: im ersten Konzertteil ein Bilderloop mit sehr abstrakten Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Braunschweiger Schlosspark, im zweiten eine längere Sequenz mit desaturierten Farbbildern von Londoner Straßenszenen. Die Musik des Trios lässt sich wunderbar als Filmmusik verstehen – eine solche zu den konkreten projizierten Filmbildern genauso wie eine solche zu einem abstrakten inneren Film. Das Trio Konkret zu Abstrakt bietet ein synästhetisches Erlebnis besonderer Art.

In Nordrhein-Westfalen ist Konkret zu Abstrakt zu erleben:

19.04.2015 Duisburg, Lokal Harmonie

22.04.2015 Siegen, Hackermann

07.06.2015 Krefeld, Südbahnhof