CD-Rezension

Debut-CD |

MaasKrachtHengst&Renken

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Marl, 12.02.2016 | In der Band MaasKrachtHengst&Renken gibt es keine Notenständer. Die vier Essener improvisieren frei, aber vernachlässigen dabei die konzeptionelle Dramaturgie in keinem Moment. Das bewies ihr jüngstes Livekonzert im Essener Goethebunker - und so etwas wird überzeugend auf ihrer neuen CD in ausformulierten Stücken gut auf den Punkt gebracht. Im Herner Revier-Ton-Studio wurden sie eingespielt – auf dem Schweizer Unit-Label präsentiert sich die Produktion der Essener auf internationalem Parkett!

Es sind die leisen, fast nebensächlichen Geräusche, welche im Spiel des Quartetts Ursprung und Keimzelle bilden. Beim jüngsten Livekonzert im Goethebunker entwickelten sich daraus zwei lange Sets, die in ganz unterschiedliche Richtungen vorstießen- gemeinsam war beiden die hochkonzentrierte Versenkung in den reinen, tiefen Klang.

Im ersten Teil ist der eruptive Wachstumsprozess Programm. Es säuselt zart, wenn Patrick Hengst den Stick auf der Snaredrum kreisen lässt, wenn Oliver Maas behutsam mit kleinen Stäbchen das offengelegte Innenleben seines Fender Rhodes erforscht und dabei mysteriöse Tonfolgen herausdestilliert. Derweil bringt Gitarrist Hartmut Kracht seine Hände auf Griffbrettern und Saiten auf ganz unterschiedliche Weise zum Einsatz. Doch was wäre all dies ohne die vielgestaltigen Trompetensounds von John-Dennis Renken, der im übrigen auch die ganze Trickkiste der elektronischen Klangmanipulation koordiniert.

Wo im ersten Teil ein allumfassendes „Crescendo“ im wortwörtlichen Sinne von Anwachsen Programm ist, da rücken im zweiten Teil viel mehr die Dialoge, also reibungsvolle Sound-Duelle zwischen den Bandmitgliedern in den Fokus. Und immer wieder gibt es mitten im abstrakten Ideenkosmos auch viele konkrete Bezugspunkte: Etwa treibende ostinate Muster, später sogar einmal eine Art Blues-Harmonik, die nach kühnen Vorstößen in ferne Galaxien wieder auf den Boden des Greifbaren zurückholt. „Wir denken ja an unsere Hörer, wenn wir frei spielen“ verweist Oliver Maas auf genau diesen Aspekt.

Konsequent weitergedacht wurde all dies für die Duo-CD. Für eine frei improvisierende Band muten ganze 12 Stücke auf einem Tonträger regelrecht kleinteilig an. Und diese sind nicht etwa herausgeschnittene Takes aus vielen, deutlich längeren Sessions, vielmehr haben sich MaasKrachtHengst&Renken in jedem Stück neu und anders auf die greifbare Konzentration aufs wesentliche besonnen. Ganz verschiedene Aspekte der individuellen Klangsprache des Quartetts treten so in spannedem Wechselspiel hervor. Vieles davon findet in den Tiefenschichten des Klang-Gedächtnisses beim geneigten Hörer Widerhall: Etwa die psychedelischen Gitarren-Soundwände, die auch in ganz frühen Pink Floyd-Stücken oder bei irgend einer Noiserock-Band zu verorten wären. John-Dennis Renkens Trompetentöne strahlen ins Universum, zuweilen zischt die Atemluft sehr physisch durchs Horn, dann wieder blüht es strahlend auf. Zuweilen pulsiert es motorisch, aber es gibt auch zartere Zustände, die zum meditativen Atemholen auffordern. Die Titelgebung gibt weitere Anleitungen zum verstehenden Hören: „Weiss“, „blau“ werden die Klangfarben definiert – und wenn es mal wieder so richtig im Gebälk knarzt und poltert, ist auch mal von „Kolbenfresserswing“ die Rede.

CD: MaasKrachtHengst&Renken (Unit Records 2016)

Releasedatum 12.2.2016